esskultur in Wien

Mein Lieblings-Food-Blog? Ganz einfach, weil ganz großartig: esskultur von Katharina Seiser. Weil so vieles. Man mag für den ersten Eindruck dort nur mal in die fortlaufende Serie Sonntagssinnessammlung blicken, um zu spüren welch acht- und aufmerksamer Mensch hier wirkt. Von mir daraus willkürlich zusammengebastelt, schwelgt man hier – einem wohlige Gänsehaut und Speichelfluss bereitend – in Lieblingsbildern, angenehm umgeben von glatter Damast-Bettwäsche, im betörenden Duft der Schnittfläche eines Marmorgugelhupfs beim feinen Geräusch aufschäumender Butter… Die große Bandbreite an Themen zur Kulinarik wird mit Sachverstand, Witz und einer mitunter (nicht unangenehm) brachialen Leidenschaft für die Sache gänzlich ausgelotet. Und weil die Augen mitessen, führen Fotos, Grafik und Layout diese auf eine satte Weide. Ab damit in die Lesezeichen!

Am 05.05. feierte die esskultur nun ihren fünften Geburtstag. Dazu lud Katharina für den 19.05. mit diesem wunderbaren Programm die Leute von nah und fern zum Festeln ein. Zur Kategorie fern gehörend, war ich mit sehr großer Dankbarkeit und Freude dabei. Fern ist hier aber auch sehr relativ. Kommt doch Katharina ein nicht unbedeutender Umstand zugute. Sie wohnt in meiner Lieblingsstadt. In Wien!

Schneller Vorlauf: Als erste Stärkung gab es gleich am Morgen auf der Busfahrt vom Wiener Schwedenplatz in die Steiermark den Sieger der Herzen (tatsächlich Platz 2) des esskultur Topfengolatschentests:

Diese Stärkung wird auch ausreichen, für extra prima good in Ingolstadt einen Quarktaschentest vorzunehmen. Vielleich noch dieses Jahr.

Erste Station: Der Labonca-Biohof in Burgau/Steiermark. In kongenialer Verbindung betreiben Norbert Hackl (als Biobauer) und Franz Wirth (als Koch und Küchenmeister) hier die größte österreichische Bio-Freilandschweinehaltung. Über 200 Sonnenschweinen (Kreuzung aus Duroc mit Schwäbisch-Hällischem Landschwein) geht es beabsichtigt saugut! Franz Wirth ließ keine unserer Fragen offen (viele Antworten auch im Bericht 0,007 prozent der esskultur). Drei Mal hat er sich umgezogen. Für die Weide, für die Verkostung und dann zum späteren Singen (leider nicht für uns).

Bei so viel Zentralgestirn gab es für mich entsprechend viel Licht und Schatten. Der Schatten? Warum gibt es sowas nicht im Ingolstädter Umland?

Weil das Ganze auch viel mit Psychologie zu tun hat, frage ich hoffnungsvoller: Wann trauen wir uns das hier? Bin gerne mit aller Kraft dabei!

Die verschiedenen Kostproben waren vortrefflich. Vom Brot(!) angefangen.

Franz Wirth

Wirth ist, gesegnet mit hervorragendem Ausgangsmaterial, ständig am experimentieren. Dieser Tage hat er sich z. B. hingesetzt und jeweils verschiedene Rotweine reduziert (von Inhalt einer Flasche auf einen Esslöffel) und danach mit Dill (soll sehr gut harmonieren) verfeinert. Kommt jetzt in einen neuen Wurstversuch.

Katharina Seiser und Franz Wirth

En passant fiel mir eine weitere steirer Kreation in die Hände. Seit kurzem gibt es vom Josef Zotter (der mit den handgeschöpften Schokoladen) jetzt auch Eis. Die Deklarierung ist eine Frechheit. Von Fair Trade keine Spur. Fehlt doch der klare Zusatz: Zotter Eis kann süchtig machen… Deliziös!

Zurück nach Wien. In die große Orangerie im Schlosspark Schönbrunn zu den 12. Wiener Zitrustagen. Kaiserwetter übrigens. Dieser Programmpunkt begann für mich zunächst mit einem herben Tiefschlag. Im Mai 2004 (also um den Tag genau vor 8 Jahren) erstand der padrone seine erste Digitalkamera. Eine Nikon D70. Unzählige Bilder haben wir zusammen festgehalten. Dann ein letztes Klicken. Am Eingang der Ausstellung öffnete sie ein letztes Mal ihre Blende. Für dieses Foto:

Eine historische Aufnahme also. Elektronik und Mechanik wollten plötzlich (bis heute) nicht mehr. Mit Bordmitteln vor Ort ging nix. Sendepause. Das Endurteil des Fachmanns steht noch aus. Die nachfolgenden Bilder gehen auf das Konto von Katharinas D90.

Gärtner Heimo Karner übernahm jetzt das Ruder und führte uns wo die Zitronen blühn durch die Orangerie. Wieder jemand, der für seine Leidenschaft brennt. Und das Feuer griff über… Was für eine schöne, eigene Welt. Überhaupt bei Hofe… nicht so (jedenfalls heute) mein Ding… aber im Park ein Teehaus und eine Orangerie… das ist schon feinste Kultur.

Heimo Karner

Bei der süß-sauren Verkostung probierten wir u. a. die Sorten “Buddas Hand” oder “Bergamotte” (ihr Öl aromatisiert den Earl-Grey-Tee). Mein Favorit: Die perfekt süß ausgewogene Sorte “Limonade”. In einem viel zu kleinen Zeitfenster gab es dazu Schwiegermutter-Gugelhupf und sündhaftes Shortbread von Katharina. Viele Infos mehr im Artikel heureka! schönbrunner gold der esskultur.

Der Abschluss dieses kurzweiligen, eindrucksreichen Tages wurde im 18. Bezirk bei Koch Meinrad Neunkirchner im Gasthaus Freyenstein begangen. Mit ihm hat Katharina das Kochbuch “So schmecken Wildpflanzen” geschrieben. Im Herbst, jetzt ist es offiziell, kommt der zweite gemeinsame Buch-Streich: “Österreich vegetarisch”. Vorfreude!

Was soll ich sagen? Schöne, geckenfreie Räume, sehr angenehmes Personal und ein besessener (hinsichtlich Herkunft, Qualität und Verarbeitung der Produkte) Küchenchef. Ergebnis mit Ansage: ALLES extra prima good! Diesem wohlfeilen Degustationsmenü haben wir uns hingeben dürfen.

Die zweite Halbzeit, die Verlängerung und das Elfmeterschießen des Champions League Finales in München habe ich im Fortgang in des Meisters Neunkirchner Küche zur Kenntnis genommen. Das Ergebnis ist mir tatsächlich entglitten.

Der Tag danach. Immer noch Kaiserwetter. Kleiner Stadtbummel. Manner-Vorrat für Moritz fassen. Kaffee bei Freunden. Und dann noch einmal ein Seiser-Nachschlag. Und was für einer:

Auf ihre Empfehlung trafen wir uns zum späten Mittagessen im 2. Bezirk. Dort, in der Norwestbahnstraße 17, steht das Wirtshaus Am Nordpol 3: Böhmische Küche!

So wie das Freyenstein, ist es (zurecht) von Slow Food Austria empfohlen. Der Wirt (und Künstler und Dichter) – Vratislav Krivák – hat sich hier ein urgemütliches Unikum geschaffen. Alles (Musik, Interieur, Kunst) passt einmalig zusammen.

Das selbstgebackene Weißbrot ist bewusstseinserweiternd! Sein Rezept findet sich neben vielen anderen auf der Website des Wirtshauses. Es gibt frische, selbst gemachte Limonaden, böhmisches Bier aus Großpopowitz (Velké Popovice) oder die Berliner Kult-Brause Wostok.

Die Käsekrainer, das Kraut, der Schweinsbraten vom Schopf (siehe extra Soße in der Tasse), die Fleisch- und Grammelknödel, der gebackene Kalbskopf… RRRRRR!!! Und was da sonst noch so auf der Karte zu mir winkt… Eine Filiale in Ingolstadt – bitte!!! Schräg gegenüber der des Freyensteins!

Liebe Katharina – Danke für den wunderbaren Tag und den Nachschlag! Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Wie so oft mit Dir. Aus der Ferne genügt ja bereits ein Klick. Danke auch an die vielen angenehmen Mitgäste. Insbesondere Dir Horst und Eurer beiden Familien. Mit dem “Salzburger Ableger” wartet ja schon das Augustiner Bräu Mülln…

Nachtrag (09.06.12): Auf bushcooks kitchen Blog finden sich vier schöne Berichte – vor allem mit einer vollständigen Fotodokumentation der vielen Köstlichkeiten – zu den Stationen Labonca, Zitrustage, Freyenstein und Nordpol.

7 Gedanken zu “esskultur in Wien

  1. seufz – ich hatte es auch in Erwägung gezogen mitzureisen, habe dann aber ” meinen Hintern nicht hoch bekommen” und nach diesem Bericht tut mir das doppelt weh und ich gräme mich. Sollte es mal wieder so etwas geben bitte ich um einen freundschaftlich nachbarschaftlichen Tritt….. LG

  2. Pingback: sonntagssinnessammlung kw 21/22 - kulinarische notiz - esskultur

  3. Hallo Michael,
    Mein Mitkoch und ich haben das Nordpol vor kurzem (Tipp von Katha) auch besucht und waren ganz begeistert – mich haben vor allem die Liwanzen überzeugt, so gute hab ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen – selbst gemachte natürlich ausgenommen ;-) – und der Kalbskopf!

  4. Herzlichen Dank, Michael, für diese Dokumentation eines nicht nur esskulturell beeindruckenden Tages!

    PS: Da war echt ein Champions-League-Finale? Ist das dieses Jahr nicht ausgefallen? ;-)

  5. zum dritten (und bestimmt nicht letzten) mal gelesen. danke, lieber michael, dass du zur richtigen zeit am richtigen platz warst, wieder einmal.
    wenn wir salzburg gut timen (mo, di, do, fr), geht auch der geheimtipp mit, den ich einziges mal am nordpol erwähnt hatte. falls du ihn dir gemerkt hast: nicht schreiben ;-)
    und wenn wir dann beim ratzka an einem der vier winzigen tischerl sitzen, dann wirst du endgültig weinen. so wie ich, denn so eine konditorei gibt’s weder in ingolstadt – noch in wien.

  6. ein wunderbares nochmals-erleben-dürfen dieses wunderbaren festes!
    wir freuen uns auf den salzburger tag mit euch!

  7. Sehr schöne Zusammenfassung, vielen Dank dafür. Ich schwelge noch ein bißchen in meinen Erinnerungen bis zu meinem Bericht :-).

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