Schlecht, schlechter, 1000 Liter

Offensichtlich ist es dem Umweltinstitut München diese Woche gelungen, das Herbizid Glyphosat in verschiedenen Bieren nachzuweisen – allen voran in Fernsehbieren ;-). Einen Tag vor dieser Veröffentlichung, ließ uns Walter König vom Bayerischen Brauerbund (Quelle: quer/BR – Sendung vom 25.02.16) noch wissen:

„Wir haben die glückliche Lage, seit 500 Jahren ein Reinheitsgebot zu haben, wo nur Braugerste und Hopfen zugelassen sind. Diese beiden Rohstoffe sind bestkontrolliert und deswegen ist auch kein Glyphosat im Bier.“

Botschaft: Kein Glyphosat. Darauf kam es ihm gerade an! Nur 24 Stunden später – nach der Veröffentlichung – spricht Lothar Ebbertz (selbe Quelle), ebenfalls vom Bayerischen Brauerbund:

„Das Glyphosat ist ein mittlerweile nahezu ubiquitäres Produkt. Das ist überall nachzuweisen und es kann uns insofern nicht verwundern, dass es minimale Spuren auch im Bier gibt.“

Schwach! Wenige Stunden zuvor noch eine Qualitäts-, gar eine Identitätsaussage. Und dann wandert plötzlich das Köpfchen in den Sand. Ich hätte mir von der Interessenvertretung gewünscht, insbesondere im Vorfeld eines lupenreinen Geburtstags, den sicherlich mühsamen Ball ehrenhaft aufzunehmen und Handlungsbedarf zu signalisieren. Was denn sonst?!

Nicht wirklich hilfreich ist für mich auch das Statement des Bundesinstituts für Risikobewertung zu dem Fall: „Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Liter Bier trinken.“ Wenn es nach dem Bayerischen Brauerbund geht, ist das Unsinn. Bei einem „ubiquitäres Produkt“, das überall nachzuweisen ist, wird es diese Mengen leider nicht brauchen…

Die ganze Geschichte ist eigentlich eine Steilvorlage für eine längst überfällige, ernsthafte Auseinandersetzung – bitte mal jenseits des Marketings! – mit dem Reinheitsgebot. Beginnt es womöglich bereits auf dem Acker? Im Hopfengarten? Ist das Ankommen eines fragwürdigen Stoffes in unserem Bier gar am Ende ein hilfreicher Fingerzeig, dass in der industriellen Landwirtschaft etwas ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist?

Und, man kann es gar nicht oft genug betonen, so eignet sich auch dieses Thema zu einem Plädoyer für Regionalität. Dem Brauer, der seine Bauern im Umfeld persönlich kennt und schätzt, weil er konkret weiß wie sie ihre Böden behandeln und Biodiversität fördern, wird dieses Thema – die leidige Abdriftproblematik mal vernachlässigt – nicht lange schlaflos machen. Wir erhalten Biervielfalt mit Handwerk, Identität und Selbstachtung einer Region, Vertrauen und Sicherheit durch längerfristige und faire Verträge, Wertschöpfung vor Ort.

Endlich passt auch noch das hierher: Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass wir dieses Thema jemals noch selbstbestimmt gelöst bekommen, wenn wir TTIP hätten?!!!

Darauf das jüngste Familienmitglied des ökologisch (wer braucht eigentlich Glyphosat?) arbeitenden Riedenburger Brauhauses: Der Dolden Bock! Ein Weizen Doppelbock, eingebraut mit einer Stammwürze von 18% und einem Alkoholgehalt von 7,9%. Im Finish wird er mit zwei bayerischen Bioland Aromahopfen kalt gehopft. Auf der soeben zu Ende gegangenen Nürnberger Biofach habe ich ihn zum ersten Mal probiert: Chapeau lieber Max! Großes Kino!

doldenbock1doldenbock2Spezialkontingent 🙂 Gar noch ohne Etiketten…

doldenbock3Heute wollte ich eigentlich persönlich nachfragen – auf der Münchner Braukunst LIVE! – ob es den Bock bereits im Handel gibt. Eine vollkommen überflüssige Grippe fesselt mich aber leider seit Tagen auf kleinstem Raum. Habe noch einen Hoffnungsfunken für morgen…

Nachtrag (28.02.16): Nix Braukunst LIVE! dieses Jahr… arrrgh. Mich erreichte allerdings auch so die Info, dass es den Dolden Bock „in zwei Wochen“ im Handel geben wird.

Nachtrag (09.03.16): Am 08.03.2016 der Chef des österreichischen Brauereiverbandes, Siegfried Menz:

„Wir sind gegen diese Pflanzenschutzmittel, national und europaweit“, sagte Menz am Dienstag bei der Jahrespressekonferenz seines Verbands. Österreichs Brauer verwendeten zu 80 Prozent bis 100 Prozent österreichische Gerste, und der Rest werde überwiegend aus Deutschland eingekauft, sagte der Ottakringer-Boss. „Wir haben die strengsten Gesetze und Qualitätsnormen und mehrere Stellen, die testen“. Mehr könne man nicht tun. In deutschen Bieren hatte das Münchner Umweltinstitut zuletzt Rückstände des Pestizids gefunden, die Experten dort sehen darin aber keine Gesundheitsgefahren. Dass in Deutschland zur Verteidigung trotzdem mit dem Uralt-Argument aufgefahren wurde, man müsste jeden Tag tausend Liter Bier trinken, damit das gesundheitlich bedenklich wäre, quittiert Menz indes mit Kopfschütteln: Auch wenn die Rückstände, wie in der Branche dort vermutet wird, wohl durch Wind von anderen Feldern bzw. Samenflug ins Braugetreide gekommen wären, solche Spuren hätten in Lebensmitteln nichts verloren.

Quelle: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/4941715/Osterreichs-Bierbrauer-fur-europaweites-GlyphosatVerbot

 

2 Gedanken zu “Schlecht, schlechter, 1000 Liter

  1. Man gewinnt aus den verschiedenen Äußerungen den Eindruck, dass wir Verbraucher uns gefälligst langsam an die Omnipräsenz von Glyphosat gewöhnen sollten. Verharmlosung heißt die Devise. Der 1000 liter Hinweis ist eine Verhöhnung besorgter Verbraucher durch die staatlichen Stellen inkl. Minister Schmidt. Bio Brauereien sollten von dem Problem nicht betroffen sein.
    Hat eigentlich schon mal jemand die braune Soße namens Hopfenextrakt untersucht ? Da weiß doch keiner mehr so wirklich was da drin ist und woher der Hopfen kommt oder ?
    Prost auf ein gescheites Bier

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