Uraufführung: Bio-Hendl auf Ingolstäder Volksfest

Zur lesenswerten Vorgeschichte: Nach meinen Überlegungen zur Wiesnzeit 2011 und insbesondere 2012, habe ich mich über diesen Stadtratsantrag sehr gefreut. 2013 ging ins Land… Dann vermeldete der Donaukurier zu Beginn 2014 endlich tatsächliche Bewegung!

Heute Mittag habe ich mich mit Moritz einer (leider sehr überschaubaren) Gruppe (mit aber immerhin zwei Stadträten: Christian Höbusch und Henry Okorafor – jeweils BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) angeschlossen, um der Volksfest-Bio-Hendl Premiere in Ingolstadt auf den Grund zu gehen.

Der Weg führte uns ins Herrnbräu-Festzelt (Festwirt: Lorenz Stiftl). So schaut’s aus:

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Und gut wars. Nicht überwürzt, schön resch.

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Es kostet knapp 70% mehr als das konventionelle Hendl. Was bekommt man für 5,90 EUR (den Mehrpreis) auf dem Volksfest? Jedenfalls keine Fahrt in Begleitung mit der Mini-Achterbahn. Keine vier Spiele Camel-Derby und wohl nur 3 Mal Auto-Scooter… Die Frage darf und muss sich aber natürlich jeder selbst beantworten. Er beachte dabei, dass er zu keiner anderen Sache bei seinem Aufenthalt ein intimeres Verhältnis haben wird – Essen und Trinken wird nämlich Teil von uns… es geht also um nichts Geringeres als den Selbstwert. Und den schätzt doch hoffentlich jeder richtig ein ;-)

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Jetzt komme ich in eine kleine Zwickmühle. Schön, dass der Stiftl die Bio-Türe aufgemacht hat!

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Aber die Leidenschaft dafür könnte noch etwas knuspriger werden! Einmal hat er sich leider nur für das Feigenblatt EU-Bio entschieden. Bio – sicherlich – aber weniger an Anforderung geht nicht… Zünftiger wäre ein Verbandsiegel à la Bioland, Demeter, Biokreis oder Naturland (letzteres hat z.B. der Ammer auf dem Oktoberfest). Und dann schreibt er auf der Speisekarte gleich den Namen des Bauern und den Herkunftsort falsch. Dieser heißt nämlich Zeltsperger und die Tiere kommen aus Tittmoning. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht!

Schaut man dagegen (leider – ich schätze die Brauerei!) ins Nordbräu-Festzelt (Festwirt: Manfred Enzersberger). Kein Bio. Und ein mühsamer Herr an der Essensausgabe, der uns breit erklärte, dass Bio “gar nichts aussage. Alles Betrug. Steht irgendwo drauf und ist doch kein Bio”. Außerdem “darf in der Landwirtschaft mit 14 Mitteln gespritzt werden und bei Bio mit 12, was ja wohl keinen Unterschied macht”. Arrrgh – schnell weg….

Weitere kulinarische Lichtblicke auf dem Volksfest? Nun, da gibt es mit dem Buchberger (Altstadtbäckerei, Kanalstraße 14) die für mich besten Brezen der Stadt:

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Und eine Entdeckung: Die “Fischerhüttn” von Siegfried Schön (brutzelte auch schon auf dem “Fest zum Reinen Bier“). Er hat es nicht nachgewiesen, aber ich glaube ihm: Seine Makrelen sind vom Marine Stewardship Council (MSC) zertifiziert (= brauchbares Umweltsiegel für Fisch aus nachhaltiger Fischerei).*

* Nachtrag (10.06.14): Gestern erreichte mich nachfolgende E-Mail von Herrn Schön: “Danke für die Info und den Bericht. Das MSC Gütesiegel gibt es seit heuer leider nicht mehr für Makrelen. Auf Grund der Streitigkeiten um die Fangquoten der EU mit den Faroer Inseln wurde das Siegel auf Eis gelegt (http://www.nachhaltige-fischerei.com/). Morgen beim Pressestammtisch werde ich zu der BIO Aktion Stellung nehmen. Fischige Grüße Sigi Schön”

Und die Saiblinge und Forellen kommen aus der Region, von Manfred Tyroller (Ettlingerstraße 2, 85104 Pförring)! Im Ausschank gibt es Schwalben-Bräu unfiltriert & Schwalbe Dunkel vom Fass. Auch nicht schlecht.

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Das neue Gutsbräu (von Nordbräu) gibt es auch. Weiß nur nicht mehr genau wo – diese Fahne flattert jedenfalls:

vf bio7Niemand ist schneller als Michael Schmatloch (Ingolstadt-today.de)! Sein Bericht.

Slow Fish in Genua

Vergangenes Wochenende war in Bremen die Slow Fisch. Ich war leider nicht dort. Die Idee von Slow Food, den Fisch in den Mittelpunkt einer Messe zu stellen, macht erfreulicherweise die Runde:

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Mutter und Vorbild dafür war und ist die alle zwei Jahre (2013 zum sechsten Mal) in Genua stattfindende Slow Fish. Motto heuer: “Das Meer gehört allen”:

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Dieses Jahr habe ich es endlich geschafft! Anfang Mai machte ich mich in sehr freundschaftlicher Begleitung auf den Weg nach Ligurien. Die Erlebnisse und Eindrücke der reizvollen Reise würden viele Blogposts füllen. Dem entsage ich zeitbedingt. Es folgt vielmehr ein Bilderbogen mit Randbemerkungen.

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So wie es vielen Ortsfremden mit Ingolstadt gehen mag, ging es mir mit Genua. Ich habe die Stadt unterschätzt. Reduziert auf die Schwerindustrie. Ingolstadt und Genua… In umgekehrter Fließrichtung waren die beiden Städte jahrzehntelang sogar körperlich verbunden. Über die CEL, eine Pipeline für Rohöl. Dagegen: Mittelalterliche Republik und europäisches Handelszentrum. Christoph Kolumbus. Teile der Altstadt gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO. Eine prächtige Stadt!

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Einen kleinen Fehlstart legten wir hin. Was heißt wir? Der Dilettant im Hotel “Cairoli”. Aufgrund seiner Listung im empfehlenswerten Unterkunftführer “Locande d’Italia” hatten wir hier gebucht. Bei der Ankunft wurde uns vom Chef persönlich erzählt, dass ein kranker Gast unser Zimmer belegt; er sei nicht transportfähig… Da das vermittelte Alternativhotel recht laut gelegen ist, erkundigten wir uns in den Folgetagen nach dem Genesungsfortschritt ;-). Kopfschütteln an der Rezeption – niemand wusste von der Geschichte… Bei der Ankunft versprach uns der Chef die Sache schnell zu regeln, sich zu melden. Nichts tat er. Telefonisch ließ er sich verleugnen. Schließlich verreiste er für eine Woche… Ein bisschen googeln – Überbuchungen scheinen im “Cairoli” nicht unbekannt. Null Punkte!

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Die Slow Fish nahm fast den ganzen Bereich des historischen Hafens (Porto Antico) in Anspruch. Bei freiem Eintritt!

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Die Enoteca (Gläslein füll dich!) und die Kochbühne für das Programm “Fish ‘n’ Chef” – Italiens beste Köche beantworten mehrmals täglich ganz individuell die Frage “Welcher Fisch darf noch auf den Tisch?”.

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Am 09. Mai mittags: Küchenchef Gennaro Esposito vom Ristorante La Torre del Saracino. Vico Equense/Kampanien:

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Am 09. Mai abends: Küchenchef Moreno Cedroni vom Ristorante La Madonnina del Pescatore. Senigallia/Marken:

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Am 10. Mai mittags. Küchenchef Luca Collami vom Ristorante Baldin. Genua/Ligurien:

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10. Mai abends. Küchenchef Peppino Tinari vom Ristorante Villa Maiella. Guardiagrele/Abruzzen:

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Der Mensch lebt aber nicht vom Fisch allein:

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Auch Genua hat ein Eataly. Lebensmitteleinkauf (im Einzelhandel) in allerhöchster Vollendung. Die Filiale liegt direkt im Hafen. Im Laden kann man eigentlich überall essen:

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Um die Ecke der täglich geöffnete Fischmarkt:

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Interessante Fundstücke wohin man schaut. Mal weniger überraschend (il präsidente auf seiner Messe), mal mehr (Ingolstädter Bier):

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Tagesausflug ins westliche Ligurien zu Emanuele Trevia – Azienda Agricola Maria Donata Bianchi (Hinterland von Diano Marina). 30.000 Flaschen Jahresproduktion. Vermentino-Könner! Gelistet im “Slow Wine” Führer:

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Auf der Heimfahrt Einkehr in der Hostaria Viola (gelistet im Slow Food Führer “Osterie d’Italia”), ca. 15 km südlich des Gardasees in Castiglione delle Stiviere, ungefähr mittig zwischen Brescia und Mantova. Sehr gute Wahl! Tolle Biere der Brauerei 32 Via dei Birrai (Venetien), z.B. das “32 Curmi” (mit einem Hauch Koriander):

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Entdeckung des frisch-fruchtigen “Lugana D.O.C.” Der Wirt: “Das Weingut befindet sich nur wenige Dörfer weiter”. Nachdem im Kofferraum noch erschreckende Leere herrschte… Azienda Agricola Ca’ Lojera. 100.000 Flaschen Jahresproduktion. Ebenfalls gelistet im “Slow Wine” Führer. Franco Tiraboschi präsentierte stolz sein gesamtes Sortiment. Es blieb beim Lugana (Trebbiano di Lugana Traube) – aber der ist wirklich fabelhaft!

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Auf der Heimfahrt viel mir ein: Ich habe kein “Pesto alla genovese” gegessen. Als bräuchte ich Gründe zum Wiederkommen…

Schnecken auf der Rennstrecke

Entschleunigung: Die AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungs-Straße) in Berlin – konzipiert als Rennstrecke – wurde 1921 für den Verkehr freigegeben. In den 30er Jahren duellierten sich hier die berühmten Silberpfeile von Mercedes-Benz und Auto Union. 1959 wurde auf der Strecke der Große Preis von Deutschland ausgetragen. Seit Mai 1989 gilt auf der AVUS ein Tempolimit von 100 km/h. Schließlich bevölkerten am vergangenen Samstag wieder die Schnecken das Restaurant AVUS im Ingolstädter Audi Forum. Die Schnecke ist Sinnbild der Slow Food-Bewegung. Wieder? Unter dem Titel “Die Region zu Gast” waren sie schon einmal im Mai (Spielplan) da.

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Zu köstlichen Brotschmankerln mit Fisch (Fisch Jakob/Mühlhausen) und Wild (Köschinger Waldhaus), sowie einem ausgezeichneten Weißwein-Aperitif mit Wermut (Brennerei Kramlich/Königsmoos), gab es am Beginn des Abends kurzweilige Informationen von Klaus Kürzinger und Thomas von Großmann (Convivium Ingolstadt) zu den Ideen von Slow Food.

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Dies setzte sich zwischen den einzelnen Gängen fort – mit Wissenswertem zu den Erzeugern, zu den Produkten und den sie korrespondierenden Weinen.

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Küchenchef Michael Russ ist ein wunderbares Menü gelungen! Ente, Kartoffel (Bamberger Hörnchen), Zwiebel, Kürbis und Quitte kamen vom Heindl Hof/Ingolstadt. Der Honig vom Bienenhof Pausch/Scheyern.

Besonders genehm empfand ich die wohltuende Anwesenheit von Marianne (mit stilgemäßer Halskette!) und Walter Jakob – den Karpfenzüchtern aus dem Aischgrund. Vom Anbau des Futtergetreides bis zum Verkauf der Fischspezialitäten wird die gesamte Wertschöpfungskette der köstlichen Produkte von den Jakobs im eigenen Betrieb erledigt.

Bereits 2008 besuchte Slow Food Ingolstadt (Bericht) die mittelfränkische Teichlandschaft und widmete sich ausgiebig deren (heillos unterschätzten!) Brotfisch.

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von links nach rechts: Uwe Seifert (Gastronomy Director), Walter Jakob (Fisch Jakob), Thomas von Großmann (Slow Food Convivium Ingolstadt), Marianne Jakob (Fisch Jakob), Klaus Kürzinger (Slow Food Convivium Ingolstadt), Michael Russ (Küchenchef) und Anja Taube (Leiterin Restaurant).

Ob es eine dritte Ausgabe “Die Region zu Gast” geben wird, steht für mich außer Frage – was dabei aufgetischt wird? Das bleibt spannend. In jedem Fall aber gutes Essen!

Fingerzeig (2) – Fisch aus der Region

Nicht aus den anonymen und unendlichen Lagerweiten der Groß- und Zwischenhändler auf den Grill geworfen, sondern aus unserer unmittelbaren Region: Der Schutterhof räuchert und grillt Forellen wie Saiblinge der Familie Lang aus Regelmannsbrunn/Kipfenberg. Einfach gut.

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(1) – Fingerzeig – (3).

Marginalie (14) – Fischöl in der Wurst

Im aktuellen Wir! in Ingolstadt und Region, einer Publikation der ich sehr geneigt gegenüber stehe, schreibt ein Heilpraktiker: “Eine gesunde Ernährung setzt sich aus vielen Bestandteilen zusammen, die wiederum in perfekter Qualität und Ausgewogenheit zueinander zur Verfügung stehen sollten, um dem Organismus sein gesundes Funktionieren zu ermöglichen”.

Es folgt (zurecht) ein Loblied auf die Omega-3-Fettsäuren. Da sind sie wieder: Die ALA (Alpha-Linolensäure), die EPA (Eicosapentaensäure) und die DHA (Docosahexaensäure). Die beiden letzten finden sich reichlich in fettreichem Kaltwasserfisch, die erste insbesondere im Lein (der Körper bildet aus der ALA die EPA und/oder DHA – gleichzeitig anwesende Omega-6-Fettsäuren können das aber blockieren). Seht dazu meinen Bericht zum Leinsamenöl und die Feststellung, dass Omega-3-Fettsäuren in der Milch und ihren Veredelungen unbedingt eine Gras(!)fütterung der Kühe voraussetzt.

Der angesprochene Heilpraktiker sprengt meiner Meinung nach den Rahmen jedes Ganzheitlichkeitsanspruchs, wenn er im Fortgang seines Berichts wahlweise zum Fisch den Segnungen einer mühsamen Industrie huldigt: “Eine Alternative hierzu bietet nun die Lebensmittelindustrie mit Produkten, die mit Omega-3-Fettsäuren angereichert sind”. Auf der nächsten Seite findet sich “überraschend” gleich eine Reklame: Unter Mitwirkung des Fraunhofer Instituts wird bei einer neuen Produktlinie von EDEKA in Weißwurst, Leberkäse, Paprika-Lyoner, Lyoner, Bierschinken, Gourmet-Trio, Wiener und gebrühte Bratwurst Fischöl gegeben. “Functional Food” nennt sich das. Ist weltweit ein Milliardengeschäft. Gesunde Vitamine naschen und so… Bisher größter Clou – das Abwehrkräftemärchen von Danone.

Der Heilpraktiker bekommt mit seinem Schlusssatz ansatzweise noch die Kurve. “Gesund ernährt sich, wer sich vielseitig und abwechslungsreich ernährt”. Und genau dafür, braucht es aber keine Lebensmittelindustrie! Im Gegenteil – gehört sie doch mit zu den größten Gefahren für die essbare Biodiversität.

(13) – Marginalie – (15).