Wien/Burgenland (6) – Hannes Reeh

Diese Geschichte beginnt zunächst in München. Irgendwann im November letzten Jahres besuchte ich dort die Chocolaterie & Café Götterspeise (Jahnstraße 30, 80469 München).

Während ich mir eine köstliche Himbeertarte schmecken lies, streifte mein Blick über das Weinregal und fand dort Halt an einem wirklich feinen Etikett. Abschweif: Soll man, darf man Wein – den man nicht kennt – (nur) nach seiner Aufmachung kaufen? „Der Mensch ist ein Augentier“ befand einer meiner Biologielehrer immer wieder – und hatte damit Recht. Gutes Design spricht mich an. „Form follows function“. Dieser gescheite Gestaltungsleitsatz hilft hier aber leider nicht wirklich weiter. „Funktioniert“ der Wein ist die Form „geschenkt“. Hält er nicht, was das Etikett „versprochen“ hat, darf man sich doppelt ärgern. Doch ist die Freude nicht wirklich groß, wenn das geschmeckte Sein dem schönen Schein die Hand reicht? Attraktive Weinetiketten auf leeren Flaschen in einigen Fensternischen bei uns beweisen das… Und was bleibt einem denn überhaupt übrig, will man – nicht zuvor empfohlenes – Neuland kosten?

Das filigran gestaltete Etikett war es dann freilich nicht alleine. Auch die sich leicht nach oben verdickende Flasche. Natürlich der Name „Unplugged“. Musikaufnahmen mit dieser Eigenschaft haben mich eigentlich noch nie hängen lassen. Österreich. Die Rebsorte Zweigelt. Burgenland. Jetzt müsste schon einiges schiefgehen… Allein der Winzer – Hannes Reeh – war unerhört. Kaufvertrag.

Das Auge trinkt mit – Zweigelt Unplugged.

Zweigelt Unplugged. Und der Wein (2009) war teuflisch gut! In der Nase zunächst typisch Zweigelt. Schwarze Beeren (Holunder, Kirsche, Brombeere). Dann sehr intensive Würze. Zimt, durch das Barrique feine Vanille. Im Mund vor allem Weichselfrucht. Feine Extraktsüße, Tannine weich und eingebunden.

Wer ist Hannes Reeh und überhaupt? Seine Website. Da sind tatsächlich – Stand 11/2010 bis heute 08/2011 – mehr Infos auf der einzelnen Flasche… Falstaff Weinguide Österreich – nix. Das Füllhorn des Internets tröpfelt nur ein wenig… Ich rufe an. Immer wieder habe ich – nicht unangenehm – seine Großmutter in der Leitung. „Der Hannes ist gerade im Keller“. Einmal klappt es. Zum Jahresende bestelle ich mir einige Flaschen aus dem Sortiment. Silvester 2011 hat dann auch mit einem Schluck Zweigelt Unplugged begonnen…

Den Besuch bei Reeh bereits zum Greifen nahe, mache ich in Wien im Julius Meinl am Graben einen Versuch. Reeh? Leider ausverkauft… Aus purem Egoismus sollte ich eigentlich nicht weiterschreiben.

Die Marktgemeinde Andau liegt unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze. In der dortigen Hauptgasse 37 macht mir – die Großmutter – die Türe auf… Wenig später sitze ich dann ihrem Enkel gegenüber.

Was folgt ist ein entspanntes Gespräch mit einem vollkommen unkomplizierten, angenehm frischen Zeitgenossen. Alle meine Fragen finden Antworten. 2007 war sein erster eigener Jahrgang. Zuvor absolvierte er die Weinbauschule in Klosterneuburg, schmeckte ein halbes Jahr in den australischen Weinbau und sammelte wertvolle Erfahrungen im Keller von Hans (John) Nittnaus. Der heute Dreißigjährige übernahm den Weinbau von seinen Eltern. Die Winzerei war dort junger (15-20 Jahre) Bestandteil einer gemischten Landwirtschaft. Sein Vater, den man rein äußerlich ohne weiteres für seinen älteren Bruder halten kann (dem Vater natürlich nicht unangenehm) ist ihm im Weinberg eine essentielle Hilfe. Die Trauben kommen aus annähernd 40 Hektar Rebflächen. Ca. 50% sind dabei eigene Weingärten.

Hannes Reeh.

Im Besonderen – mit alleine ca. 15 Hektar – hat sich Reeh dem Zweigelt verschrieben. Gerade bei dieser Traube will er seine Arbeit gut machen – und er macht sie sehr gut! 2010 „war ein Winzerjahr“ so Reeh. In die laufende Verkostung bringt er jetzt eine Fassprobe des 2010er Zweigelt Unplugged. Herrlich! Lediglich mit einem Grinsen beantwortet er meine Frage, ob man damit nicht sehr gelassen der Flaschenabfüllung und dem späteren Verkauf entgegen sehen kann…

Das Aussehen der Etiketten gründet sich auf Beschriftungen alter Apothekerflaschen.

Die Unplugged-Linie (Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot und eben Zweigelt) sitzt im Sortiment in der ersten Reihe. Durch den Namen soll die Machart dieser Tropfen unterstrichen werden. Im Original für handgemachte, pure Musik ohne Verstärker verwendet, werden diese Weine ohne die Zugabe von Reinzuchthefen, Enzymen oder Schönungsmitteln gemacht. Unverfälschte Typizität und unverwechselbarer Charakter sind hier das Ziel.

Die Cuvée reichen schneller die Hand – lassen aber auch schneller wieder los. Der Heideboden rot (Zweigelt/Merlot/Cabernet Sauvignon/Blaufränkisch) hat trotzdem einen schönen Händedruck. Zu den weißen Reehs kann ich (noch) nichts sagen. Meinen Keller haben sie jedenfalls erreicht.

Als ich erfahre, dass Reeh gerade ein neues Weingut, einen neuen Keller baut – die Ernte 2011 soll hier bereits einlaufen – ist mir die von ihm geschenkte Zeit doppelt Wert. Volle Sympathie, Herzlichen Dank! Ohne Steckdose – Reeh rocks!

Die Reeh Flotte.

Bezugsadresse (exemplarisch) für Reeh Weine in München: Anton Groiss, Rambaldistraße 27, 81929 München.

Wien/Burgenland (7): Hier.