Biergartenzeit?

Bei Wikipedia wird ein Ort der Kraft (Kraftort, Kraftplatz, magischer Ort) als ein Ort bezeichnet, „dem eine meist positive … psychische Wirkung im Sinne einer Beruhigung, Stärkung oder Bewusstseinserweiterung zugeschrieben wird“.

Von alters her verfügen wir in Bayern über die besonders schöne Fähigkeit solche Orte selbst zu schaffen. Es dürfte bereits klar sein, über was ich nachdenke: Den Biergarten!

Die gesetzliche Begründung der Bayerischen Biergartenverordnung liefert wertvolle weitere Erklärungen: So erfreuen sich Biergärten „in Bayern als traditionelle Einrichtungen allgemein großer Wertschätzung und sind in Folge ihrer über lange Zeit gewachsenen Tradition ein Stück angestammten bayerischen Kulturgutes geworden“. Weiter erfüllen Biergärten „wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes, soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen. Die Geselligkeit und das Zusammensein im Freien wirken Vereinsamungserscheinungen im Alltag entgegen“.

Ist das nicht wunderbar?! Und so einfach. Draußen. Feiner Kies. Unter Bäumen. Kastanien mit ihren großen Blättern machen besonders viel kühlenden Schatten. Bänke und Tische die Geselligkeit und Zusammensein unausweichlich machen. Eine Brotzeit. Die Maßeinheit Mass.

Der nicht hoch genug zu verehrende Genius Gerhard Polt beschreibt (frei gekürzt aus seinem Stück „Gemütlichkeit“) unerreicht die Magie dieses Ortes:

„Man saß in einem Biergarten – bei ca. 27, 28 Grad Außentemperatur, ein Biergarten in erdbebensicherem Gebiet … aaahhh … diese Ruhe. Diese Natur. Leise fächelt der Wind durch die Kastanienblätter. Diese Ruhe. Der Hypophysenlappen im Hinterkopf geht nur noch ganz langsam – propellert nicht mehr. Wie ein Segel in der Flaute. Eine angenehme Blutleere im Hinterkopf macht sich breit und verschafft einem eine inwendige Tranquilität. Und irgendwann dann oder vielleicht ein bisschen später … propellert gemächlich ein Maikäfer vorüber. Der Maikäfer grüßt – man grüßt zurück! Man kenntn ja persönlich. „Wohin des Wegs, Kamerad?“… Durscht! Öhha! Ein Erkenntnisprozess bahnt sich an. Langsam greift man zum Krug und führt den selbigen zum Kopf. Niemals mit dem Kopf zum Krug! Und dann hält man inne. Es könnte vielleicht noch ein Gedanke daherkommen! Nein. Das ist unwahrscheinlich“.

Ein feststehender Begriff ist Biergartenwetter. Der besondere Reiz des Biergartens liegt gerade auch an seiner Saisonalität. Gefestigter Frühling, Sommer, goldener Herbst. Und das Wetter muss passen! Tagsüber wenn es heiß ist, rettet der Schatten. Abends, wenn es warm ist, kann man (wieder/immer noch) draußen sitzen. Herrlich! Für Nuancen ins Kühle gibt es, seit der Homo sapiens nach Europa vordrang, Kleidung und/oder Decken. Und wenn das Wetter nicht passt? Dann – Überraschung! – geht man nicht in den Biergarten…!

04.05.2011 – Eingang Biergarten Neue Galerie „Das Mo“

Leider krankt unsere Zeit zunehmend an der Haltung des „Ich will alles und zwar jetzt und sofort“. Das Besondere wird dadurch zum Beliebigen. Höhepunkte schmelzen auf deutlich niedrigeres Niveau zur mittelmäßigen Flatrate. Ignoranz nimmt sich die Sehnsucht auf etwas. Es wird ignoriert, dass alles seine Zeit hat. Seine Zeit braucht. Warten können steigert die Lust – eine Weisheit der Fastenzeit.

Übersetzt in den Biergarten, manifestiert sich die ungesunde Beschleunigung unseres Alltags in der dortigen Verwendung von Heiz- oder Wärmestrahlern. Es ist schlicht unglaublich, dass es tatsächlich so etwas gibt. Ein weiterer feststehender Begriff den jeder kennt: „Zum Fenster hinaus heizen“. Die Inkarnation davon ist der Heizpilz im Biergarten!

Ein leider dazu passendes Zitat aus dem „Biergarten-/Terrassenführer 2011“ des „megazin“ (Ausgabe Mai 2011, Seite 16) zur Glock´n am Kreuztor: „Zehn Wärmestrahler bringen den Biergarten auch bei kühlen Temperaturen auf sommerliche Grade“. Krank!

Selbst die bereits angesprochene Bayerische Biergartenverordnung hat diesen Unsinn nicht kommen sehen. In deren § 2 I wurde der Beginn der Nachtzeit zugunsten der Tageszeit nach hinten (auf 23:00 Uhr) verschoben. Begründung: „Sie ist gerechtfertigt, weil Biergärten nicht dauerhaft, sondern nur an den Abenden mit schönem Wetter in der warmen Jahreszeit so lange genutzt werden. Diese Tage fallen in die Sommerzeit“.

Wirte sollten sich selbstkritisch hinterfragen, ob man wirklich jeden Umsatz mitnehmen muss. Gäste, ob sie demnächst – wenn das Wasser noch oder schon zu kalt ist – einen Tauchsieder in den Baggersee hängen.

Eine ganz andere Dimension bekommt die Geschichte noch, wenn man versucht, Heizpilze in Biergärten in die Diskussion über globale Erwärmung, Kohlendioxidreduktion, Ressourcenknappheit und die sogenannte Energiewende einzuführen. Ich lasse das jetzt mal so stehen.

Übrigens – Mitte Juni beginnt wieder die Schwammerlzeit! Es gibt auch gute Pilze.