Meine Fahrt ins Blaue

Morgens esse ich meistens Müsli. Mal mit Milch, mal mit Joghurt. Früchte nach Saison. Auch mal getrocknete. Immer wieder gerne mit verschiedenen Nüssen. Kürzlich habe ich Mohn als schmackhaften Mitspieler entdeckt – ausprobieren! Hafer – gibt Pferdestärken. Dinkel, Buchweizen, und so weiter. Abwechslung beugt vor – vielem. Eine Konstante habe ich aber. Kein Müsli ohne Leinsamenöl!

Leinsamenöl.

Leinsamenöl hat bei mir gleich drei Steine im Brett. Erst einmal schmeckt es sehr gut. Es ist goldfarben und riecht angenehm nach Heu. Im Mund schmeckt es schön nussig und (auch) nach Heu. Für Heugeruch gehe ich gerne in die Knie.

Zweitens hat es eine außergewöhnliche ernährungsphysiologische Bedeutung. Mit ca. 55% Anteil an der essentiellen Omega-3-Fettsäure α-Linolensäure (ALA) steht es an der Spitze der diese beinhaltenden Lebensmittel. Insbesondere Herz, Kreislauf, Gehirn und Gemüt gefallen das sehr. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! Zum Vergleich auf den weiteren Plätzen z.B. Walnussöl mit 13% und Rapsöl mit 9%. Selbst (notwendig) fetter Seefisch wie die Makrele hat nicht mehr als 3% (aber bereits in Form der Omega-3-Fettsäuren EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure); die ALA muss vom Körper erst in diese umgewandelt werden). Der Vitamin E-Gehalt des Leinöls ist auch sehr beachtlich.

Der Dritte Stein: Die Lebensmittelindustrie und der Großhandel mögen Leinsamenöl nicht so gerne. Und was der Lebensmittelindustrie nicht gefällt, schätzt der padrone für gewöhnlich! Das empfindliche Öl eignet sich nämlich nicht so gut zur industriellen Weiterverarbeitung und verdirbt recht schnell. Dezentrale Verarbeitung, kleingliedrige Strukturen, unbedingte Frische sind (nicht nur hier) gefragt. Also werden lobbyseitig z. B. fleißig weiter Fisch (natürlich gleich in geschmacksfreien Kapseln) zur Deckung des Omega-3-Fettsäurenbedarfs promotet. Oder Functional Food (z. B. Brot mit entsprechendem Omega-3-Fettsäurenzusatz). Die Prozentanteile noch im Gedächtnis? Und was ist mit den wichtigen sekundären Pflanzeninhaltsstoffen? Und der Überfischung der Weltmeere? Ach die Lebensmittelindustrie…

Leinsamenöl wird aus den reifen Samen der Flachspflanze gewonnen. Diese gehört zu den ältesten und bedeutendsten Kulturpflanzen der Menschheit. Man denke nur an die Bedeutung deren Faser in der Textilgeschichte. Den zu Recht wiederentdeckten (hervorragende baubiologische Eigenschaften mit schöner Ökobilanz) Bodenbelag Linoleum oder deren Rolle in der Malerei in Form der Leinwand oder als wesentlicher Bestandteil von Farben.

Bekanntlich habe ich gerne Heimat auf dem Teller. Beim Leinöl ist das möglich! Ich fahre dazu nach Fribertshofen. Der Ort gehört zu Berching und liegt nordwestlich – oberhalb des Klosters Plankstetten. Mein Ziel ist ein Besuch von Reinhard Weigl.

Pressung – Öl mit Trester. Leinsamen. Leinkuchen.

Bei meiner Ankunft befüllt dieser gerade die laufende Ölpresse mit Leinsamen. Frisches, grün-gelbes Öl tröpfelt auf den Trester und sickert im Auffangbehälter nach unten. Schnell habe ich einen Löffel in der Hand und darf probieren. Alright!

Reinhard Weigl.

Ich bin auf einem Bauernhof. Die Generationen dauernde Vollbewirtschaftung ist aber Geschichte. Geflügelallerlei und Gemüse für den Eigenverbrauch gibt es noch. Und den Flachs! Reinhard Weigl bezeichnet sich deshalb selbst als spezialisierten Einfruchtbauern. Begonnen damit hat sein Vater Karl Weigl. Vor gut 15 Jahren war er federführend bei einer Initiative zum Bau einer dezentralen Ölmühle für Raps in der Region beteiligt. Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass in seiner Kindheit umliegend Flachs angebaut wurde. In Berching gab es auch eine Flachsröste. Selbst mit Schiffen wurde die Faser angelandet. Neugierig und zum Experiment bereit, kaufte sich Weigl senior eine eigene Ölpresse und begann mit dem Anbau von Flachs.

Heuer wurden zwei Felder mit insgesamt fast 8 Hektar angesät. Der Vater begann seinerzeit versuchsweise mit 0,15 Hektar. Aussaat war am 25. April. Jetzt nach zwei Monaten ist Blütezeit! Diese dauert täglich (morgens) nur wenige Stunden. Dann fallen die Blüten ab. Um das zu erleben, fahre ich mit Herrn Weigl ins Blaue. Der Ausdruck steht für eine Landpartie. Weil früher sehr viel Flachs angebaut wurde, erschienen zur Blütezeit viele Landschaften in Blau getaucht. Man fuhr ins Blaue…

Ich stehe vor dem ersten Feld. Wunderschön!

Der Flächenertrag schwankt witterungsbedingt sehr stark. Im schwierigen letzten Jahr 2010 (zunächst zu trocken, dann zu feucht) waren es gerade mal 6,5 dz/Hektar. Der Schnitt liegt bei ca. 13 dz/Hektar. Die Spitze bei bisher 23 dz/Hektar.

Das erste Saatgut musste von den Weigls natürlich eingekauft werden. Seitdem wird aber selbst nachgebaut – die Aussaat kommt aus eigenen Erträgen.

Die Unkrautbekämpfung erfolgt vornehmlich mechanisch. Der Boden wird pfluglos bearbeitet und zur Bodenverbesserung und Pflanzenbehandlung bringt Herr Weigl effektive Mikroorganismen ein (sogenannte EM-Technologie). Wir fahren zum zweiten Feld. Dieses hat ein Gefälle und verstärkt damit den schönen optischen Eindruck noch einmal.

Die Erntezeit ist Ende August/Anfang September. Dabei ist ein Mähdrescher mit besonders scharfem Mähwerk gefragt. Die Samen haben vom Feld weg ca. 15% Feuchtigkeit. Nach der mechanischen Reinigung wird die Saat getrocknet. Das macht Herr Weigel im Kloster Plankstetten (Staudenhof). Nach der Trocknung liegt die Feuchtigkeit dann noch bei ca. 8%. Der Lein kommt jetzt in das hofeigene Silo und wird bei Bedarf drei Mal pro Woche gepresst. Herr Weigel beschreibt diesen Vorgang weniger als pressen, vielmehr als ein durchreiben. Um als hochwertig, kaltgepresst zu gelten, darf dabei die Temperatur nicht größer als 40 Grad sein. Mit seiner Presse arbeitet er konstant unter 35 Grad.

Angebot in drei Gebindegrößen: 0,25, 0,50 und 3,0 Liter.

Die Familie vermarktet ihr Öl wenn möglich direkt. Auf Bauernmärkten, ab Hof und natürlich über das Internet. Die Onlinekundschaft liegt bei ca. 1/3.

Wir fahren zurück zum Hof. Dabei beschreibt mir Herr Weigl, dass er ein wenig in der Zwickmühle steckt. Sein Öl läuft gut (schöne Doppeldeutigkeit!). Damit stößt sein derzeitiges Geschäftsmodell aber deutlich an seine Grenzen. Hauptberuflich arbeitet der diplomierte Ingenieur nämlich an der Fachhochschule in Ingolstadt. Die Leinölgeschichte hat er gerne vom Vater übernommen, immer aber (nur) als leidenschaftliches Hobby gesehen. Seit drei Jahren hat er jetzt die Anbaufläche zum Vorjahr verdoppelt. Teilweise kauft er Samen zu, um die Nachfrage zu bedienen. Ausschließlich in Bioqualität. Er liebäugelt selbst mit einer entsprechenden Zertifizierung. Dazu sind seine Kapazitäten aber zu gering. Er bräuchte mehr Ausgleichsflächen. Dann könnte/müsste aber auch die Faser vermarktet werden. Der Automobil- und Baustoffsektor wäre durchaus daran interessiert. Einen Fühler in diese Richtung hatte er auch schon einmal ausgestreckt. Und der Internetverkauf müsste professionalisiert werden. Schließlich verlangt die Familie zu Recht ihre Zeit. Soll er die Handbremse ziehen oder lösen? Eine Entscheidung steht hier an.

In Bayern wurde früher vor allem im Allgäu Flachs angebaut. Derzeit dürfte Herr Weigl hierzulande der einzige sein der die blaue Fahne hoch hält. Aber er ist nicht der letzte, sondern hat vielmehr (sein Vater) wieder damit angefangen! Ich bin mir sicher, er wird nicht alleine bleiben. Diese landwirtschaftliche Nische ist zu spannend und hat wirklich (wieder) Zukunft. Wenn man von einem Anbauzentrum in Deutschland sprechen will, liegt dies in der Lausitz. Dort wird Leinöl gerne mit Quark und Kartoffeln gegessen.  Ein weiterer, sehr einfacher Klassiker: Semmelstücke werden zum Essen zuerst in das Öl und dann in Zucker getunkt. Lausitzer Leinöl trägt sogar das EU-Gemeinschaftszeichen „geschützte geografische Angabe“.

In die Müslis der Familie Weigl kommt exklusiv auch der Presstrester. Diesen gibt es nicht im Handel – und nein – er wird ihn, so sagt er, auch zukünftig nicht anbieten. Die Haltbarkeit bei ungeöffneten Gebinden beschreibt Herr Weigl mit 5-6 Monaten. Angebrochen sollte das Öl im Kühlschrank aufbewahrt werden. Es bleibt so für einige Wochen frisch. Gegen zu viel die Oxidation förderndes Licht, wird das Öl in dunkle Flaschen gefüllt. Seinen Leinkuchen verfüttern Pferdehalter gerne an ihre Tiere.

Diese einmaligen Felder vor Augen, habe ich beim morgendlichen Müsli jetzt täglich eine ganz spezielle blaue Phase! Lieben Dank nach Fribertshofen. Weitermachen!

Reinhard Weigl, Fribertshofen 9, 92334 Berching. Website: Hier.

8 Gedanken zu „Meine Fahrt ins Blaue

  1. Super Post. Würde gern mehr Beitraege zu der Thematik lesen. Ich freue mich schon auf die naechsten Posts.

  2. Super, interessanter Beitrag mit überzeugenden Fakten!
    Leinsamen hat bei mir ab heute einen viel größeren Stellenwert als bisher.
    Weiter so!

  3. Hochinteressanter Bericht! Vielen Dank dafür. Ich überlege, wie Leinöl im Müsli schmeckt. Aber man isst ja auch Quark mit Leinöl, dann müßte es wohl zu Joghurt auch geschmacklich passen. Wie viel Leinöl tun Sie ins Müsli? Einen Teelöffel, oder vielleicht auch einen Eßlöffel?

  4. Danke Buchfink! Passt sehr gut zum Naturjoghurt und (Geschmachssache) zu diversen Fruchtvarianten oder mit Marmelade (Geschmacksache) zum Naturjoghurt. Ich gebe es aber auch in die Milch. Je nach Portion aber immer mindestens ein Teelöffel. Sehr gut harmoniert es mit (richtig reifen) Birnen und Nüssen.

  5. Ich liebe Leinöl im Müsli ebenfalls! Meines hab ich von der Ölmühle Solling – ich wusste gar nicht, dass auch jemand in der Region „frisches“ Leinöl herstellt. Meist bestelle ich mehrere kleine Flaschen (0,25 l), die ich einfriere und dann bei Bedarf im Kühlschrank auftauen lasse. So bleibt das Öl geschmacklich immer frisch!
    Padrone, flockst du deine Haferflocken selbst oder kaufst du sie?

  6. Als Neuling im Leinöl-Sektor bin ich ganz gespannt auf den Geschmack.
    Viele berichten von einem bitteren Geschmack, welcher „so gehöre“ und andere sagen, wenns bitter ist, dann ist es verdorben. Sicher können Sie mir da weiterhelfen.

  7. Hallo Kata – beide liegen falsch. Der „bittere Geschmack“ gehört sich nicht. Das Öl ist damit aber auch (noch) nicht verdorben. Leinöl ist sehr luft-(sauerstoff)empfindlich. Durch die Oxidation entsteht mit der Zeit ein mehr oder weniger starker Bittergeschmack. Dieser kann gut durch Zugabe von Milchprodukten wie Quark, Joghurt oder Milch gebunden werden. Also möglichst frisch gemahlen kaufen. In kleinen Mengen. Zügig verbrauchen. Dabei kühl und dunkel lagern. Erst wenn das Öl fischig und/oder ranzig schmeckt, ist es über dem Berg… dann aber immer noch ein sehr gutes Holzpflegemittel.

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