Kinokultur in Ingolstadt

Ich weiß nicht mehr in welchem Saal es war und wann ich meinen allerersten Kinofilm gesehen habe. Aber es war auf jeden Fall in einem der folgenden: Entweder in der Spitalstraße in den Sälen Central, Bambi, Atelier oder Palette. In der Roseneckstraße im Roli oder Studio. In der Manggasse im Cinema oder City. Oder schließlich in der Josef-Ponschab-Straße im Union 1 oder Union 2. An den Film kann ich mich leider auch nicht mehr erinnern… Alle diese Kinos gibt es heute nicht mehr – das letzte hat 2008 geschlossen.

Der Schmerz wird noch dadurch erhöht, dass das sehr schöne Roli-Gebäude (Ecke Roseneckstraße/Dollstraße) mit seinen Säulen am Eingang und dem Deckengewölbe aus mir bis heute absolut unverständlichen Gründen einfach abgerissen wurde. Der Krampf ist leider noch steigerbar, wurde doch an seiner statt eines der lieblosesten und hässlichsten Häuser die es im Zentrum gibt, hinverbrochen. Gegenüber dem ältesten – 1471! – Wirtshaus der Stadt… Dass wollte ich schon lange mal loswerden. Einen Blog muss man haben!

Bevor ich einen Schritt nach vorne gehe, mache ich noch einen weiteren zurück. Vor meiner Zeit gab es in Ingolstadt noch diese Lichtspieltheater (schönes Wort!): Die Bahnhof-Lichtspiele in der Ostermairstraße 14, das Luli-Filmtheater in der Ludwigstraße 30, die Nord-Lichtspiele in der Goethestraße 15 und die Theresien-Lichtspiele in der Theresienstraße 14.

Seit fünf Jahren muss ich mich jetzt, will ich in Ingolstadt einen Film sehen, in die seelenlose, weil beliebig austauschbare Filiale (eine von 74 bundesweit) des CineStars am Westpark quälen. Hier geht es nur um Masse. Und nichts soll davon ablenken. Ein Beispiel, das tief blicken lässt? Probiert doch einfach einmal – ganz individuell – dort anzurufen. Auf der Website findet ihr dazu (Ausschnitt Screenshot vom 17.09.12):

Das ist ein Statement. Ein Blick in das Telefonbuch hilft jedoch weiter. CineStar Ingolstadt: 0841-9816698. Auf die Ohren gibt es dann aber: „Sie rufen bei der CineStar-Gruppe an. Diese Durchwahl ist nicht verfügbar. Vielen Dank für Ihr Verständnis“.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass wir zur Notwehr das sehr gute Audi-Programmkino haben. Und im Sommer natürlich das wunderbare Freilichtkino im Turm Baur. Aber eine Altstadt ohne Kino…

Jetzt kommt der Schritt nach vorne! Es ist ja schon länger bekannt… Meine Freude ist aber so dermaßen groß – ich weiß gar nicht wie viele Luftsprünge ich schon gemacht habe und bis zum 27.09. noch machen werde und danach erst!!! Also. Am Donnerstag in einer Woche eröffnen die Ingolstädter Altstadtkinos wieder! Frisch renoviert und mit feiner, neuer Technik. In der Manggasse das Cinema 1 (300 Plätze) und das City (200 Plätze – soll jetzt aber Cinema 2 heißen; ich hätte ja City gelassen). Und in der Josef-Ponschab-Straße die zwei Union-Säle mit einmal 200 und einmal 80 Plätzen. Das Union mit seiner Jugendstilfassade ist übrigens eines der ältesten (1911) Kinozweckbauten Deutschlands!

Die Altstadt leuchtet wieder ein Stückchen heller:

Und es wird ihr sehr gut tun.

Das Projekt hat offensichtlich Hand und Fuß. Die Stadt steht dahinter und ein Investor – Jürgen Kellerhals – gibt Geld für Begreifbares (anstatt wie in unseren Zeiten üblich in siebenfach gehebelte linksdrehende Cross Currency Derivate zu investieren) – Lob! Die beiden Gesellschafter Franz Fischer und Ellen Gratza bringen beruhigende Kinoerfahrung mit. Fischer hat das Kinodreieck Augsburg und Gratza organisiert seit 25 Jahren das Augsburger Kinderfilmfest.

Und es sind die kleinen Feinheiten, die Lust und Hoffnung machen auf Individualität, Anspruch und Genuss. Im 1. Stock des Cinema steht ein Flügel – er soll nicht der Dekoration dienen… Es fallen die Worte Steinofen, Openairkino, Schulkino, Livejazz, Liedermacher, Theater und Sommernachtstraum in der Altstadt. Und auch das findet sich auf der Website:

Es ist leider(!) so: Aber allein mit dieser Auswahl – jeweils direkt vom Winzer bezogen – werden 95% aller Ingolstädter Weinkarten in Schutt und Asche gelegt… Anarkos und Brennfleck – fein!

Hatte ich schon erwähnt, dass ich mich freue?

6 Gedanken zu „Kinokultur in Ingolstadt

  1. Wenn es einer Dokumentation bedürfte, dass die bewegten Bilder eine Kultur sind, die an manchen Verdichtungspunkten – nämlich Kinos mit Tradition – in fast greifbarer Weise gerinnt, dann wäre das der Spielfilm „Cinema Paradiso“ von Giuseppe Tornatore. Ein Mann, der frühere Vorführgehilfe, kommt nach 20 Jahren in seinen Heimatort, weil der alte Vorführer, sein Freund, gestorben ist. Das alte Kino wird abgerissen. Seine Jugend zieht, vermischt mit Filmsequenzen, an seinem inneren Auge vorbei.

    Ganz ähnlich sah es aus, als in Ingolstadt das Roli-Kino in Trümmern lag. Ein Trost: der wieder auferstandene große Union-Saal ist noch schöner.

  2. Schön! Ich freue mich jetzt schon darauf, mal wieder in IN ins Kino gehen zu können. Westmark Kino habe ich successful bis jetzt boykottiert. Nicht so schwer bei nur gelegentlichen Besuchen in IN. Jedoch : ich liebe es, einen Film in einem schönen alten Kino anzusehen. Da bleibe ich mir auch hier treu (google doch mal das ‚Astor‘ und das ‚SunTheatre‘ in Melbourne). Mein erster Film war Walt Disney’s ‚Bernhard und Bianca‘ im Roli, und danach auf ein Spaghetti-Eis. Mir hat es soooo gegraust, weil ich dachte, das wären gefrorene Spaghetti mit Sauce….Gut, dass ich es trotzdem probiert habe! Hier noch ein schöner australischer Film, den ich heiß für ein Programmkino empfehlen kann: ‚The Sapphires‘.

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