Naturschwein – 100%

Ein Schweineleben in Deutschland – von den Machern dummdreist „moderne Landwirtschaft“ genannt: Niemals die Sonne gesehen. Spaltenböden. Importiertes, gentechnisch verändertes Futter. Die Eckzähne abgeschliffen, der Ringelschwanz abgeschnitten. 0,75 Quadratmeter Platz. Das Tier vollständig in jeder Lebenssekunde der Agrarindustrie unterworfen. Der Alltag von 99%(!) aller in Deutschland gehaltenen Schweine.

Das wollt Ihr nicht? Einverstanden. Aber ich nehme Euch beim Wort! Zum Ausgang:

2016 beschlossen die Pfaffenhofener Barbara und Michael Weichselbaumer die Landwirtschaft ihren Schweinen anzupassen – ihnen als minimalstes Danke ein gutes Leben zu ermöglichen. Es entstand ein freiluftiger, neuer Stall. Mit Auslauf, Sonne, geschlossenen Böden, hofeigenem Futter und viel, viel Stroh. Achtung! 800 g pro Tag und Tier. Es gibt Trittbrettfahrer die ihren „Strohschweinen“ 15 g auf den Spaltenboden dekorieren  – „da hat jeder Goldhamster mehr“ – pflegt Michael Weichselbaumer diese Show treffend zu kommentieren. Selbstredend haben alle Tiere einen unberührten Ringelschwanz. Die Vermarktung gestaltete sich trotzdem nicht einfach. Ein Pfaffenhofener Metzger kommentierte den notwendigen Mehrpreis so: „Das interessiert mich einen Scheiß!“ Dann trafen sie auf die Metzgersleute Claudia und Joseph Huber aus Ingolstadt. Am 14. Juli 2017 ging das „Naturschwein“ in deren fünf Filialen an den Start. Hier mein erster Bericht zum Thema (Besuch vor Ort, Stallweihe). Alle Produkte des Naturschweins wurden seither beim Einkauf mit einem eigenen Aufkleber versehen:

Damit ist jetzt Schluss! Der Grund dafür ist so einfach wie wunderbar: Die Metzgerei Joseph Huber (Slow Food Unterstützer), die erste in Ingolstadt mit Bio-Zertifizierung, die noch dazu seit 2015 für das gesamte Sortiment mit diesem Anspruch unterwegs ist

hat seit heute nur noch „Naturschwein“! Alle Produkte vom Schwein – ob Fleisch oder Wurst haben einen anständigen Ursprung.

Siehe dazu auch den Donaukurier vom vergangenen Wochenende: Hier und da:

Um der erfreulichen Nachfrage gerecht zu werden, kam zu den Weichselbaumers der Landwirt Manfred Reif aus Adelshausen (Karlskron) hinzu. Er ist mit den Hubers bereits seit zwei Generationen verbandelt. Für das Projekt „Naturschwein“ wurden die Haltungsbedingungen bei Reif noch einige Schritte zugunsten der Schweine verbessert – jetzt sind es „Naturschweine“! Ich werde mir das demnächst einmal vor Ort ansehen. Während die Weichselbaumers mit einer Kreuzung aus „Deutscher Landrasse“ und „Pietrain“ arbeiten, setzt Reif auf eine Kreuzung aus „Duroc“ und „Pietrain“.

Letztes Jahr – bei der Feier (ansehen!) von 10 Jahren Slow Food Ingolstadt im Schutterhof – war das „Naturschwein“ bereits ordentlich mit von der Partie. Wo kann ich „Naturschwein“ kaufen? Zunächst einmal in den fünf Filialen der Metzgerei Joseph Huber. In Ingolstadt: Hagauer Straße 103, Münchener Straße 253 und Eriagstraße 8. In Reichertshofen: Wackerstraße 2 und in Baar-Ebenhausen: Ingolstädter Straße 22. Seit einigen Tagen gibt es in der Filiale in der Hagauer Straße sogar einen 24h-SB-Automaten:

Weiter kann man es sich liefern lassen – hier. Und erfreulicherweise hat auch die Gastronomie der Region die Signale vernommen! „Naturschwein“ gibt es im Ingolstädter Diagonal (Bericht), im maletter (Slow Food Genussführer) in Eichstätt (Bericht), im Gasthaus Stark (Slow Food Genussführer) in Wolkertshofen und im Landgasthof Wagner in Unteremmendorf (ebenfalls Slow Food Genussführer). Wer fehlt? – bitte in den Kommentaren ergänzen. Wolfgang Speth vom Schinken Ambiente arbeitet zwischenzeitlich ebenfalls mit den „Naturschweinen“.

Andrea und Harald Mödl vom Ingolststädter Schutterhof haben gleich hochlöblich zu 100% umgestellt: Im Biergarten ist ab sofort alles vom Schwein vom „Naturschwein“:

Fragt mal in Eurem Biergarten nach, woher deren Schweineres kommt – regional?(behaupten inzwischen alle 😉 und dann natürlich in Sachen Haltung…!

Danke an die Weichselbaumers und die Reifs! Danke an die Hubers! Danke an die Gastronomen und Veredler! Danke an Slow Food Ingolstadt! Und Danke an Euch! Essen ist nämlich ein Akt der Ko-Produktion und der Politik: Was wir nachfragen und einkaufen wird angeboten. Sag mir was Du isst und ich sage Dir, was Du für eine Art von Landwirtschaft unterstützt und förderst… Und habt Ihr mir ganz oben nicht versprochen, dass Ihr einen Unterschied machen wollt?!!! Also – lasst Euch bitte an Eurem tatsächlichen Einkaufsverhalten messen. Ingolstädter haben es (ausnahmsweise) seit heute beim Schwein ganz einfach 🙂

Tipp: Am 14. Juli 2018 von 10 bis 14 Uhr besucht Slow Food Ingolstadt die Schweine der Weichselbaumers vor Ort in Thalhof 7, 85276 Pfaffenhofen. Es gibt Infos satt. Gute Leute, die etwas zu sagen haben und natürlich Speis und Trank – vorbeikommen! Nachtrag: Besuchsbericht.

Langsam isst auch Ingolstadt besser

Der 10. Geburtstag von Slow Food Ingolstadt wurde pünktlich am 11. Mai 2017 begangen – siehe hier. Allerdings mit angezogener Handbremse. Diese wurde nun vergangene Woche im Ingolstädter Schutterhof bei einer standesgemäßen Festivät zum Jubiläum gelöst. Dabei feierten wir auch gleich noch 25 Jahre Slow Food Deutschland!

Ich möchte mich namentlich kurz bedanken: Bei Andrea und Harald Mödl für deren Gastfreundschaft im Schutterhof. Die beiden sind jetzt Slow Food Mitglied 🙂 Bei Petra, Helga, Daniela, Ralf und Gunter sowie der frisch gekrönten Bayerischen Kartoffelkönigin Jacqueline I. für den hausgemachten Kartoffelsalat. Die Erdäpfel lieferte der Gemüsehof Wöhrl. Bei Barbara und Michael Weichselbaumer – ebenfalls herzlich willkommen bei Slow Food 🙂 – sowie Claudia und Joseph Huber für das gegrillte (köstliche!) Schwein. Dank ihres gemeinsamen Projekts „Naturschwein“ hatte es ein anständiges Leben vor dem Tod. Bei Klaus Kürzinger und der Big Band der Städtischen Simon-Mayr-Sing- und Musikschule für den Ohrenschmaus. Bei der Buchhandlung Stiebert für die Möglichkeit, den Genussführer gleich vor Ort zu erstehen. Bei Markus Jordan für die Illumination und bei Gerhard Tremel (Slow Food Nürnberg) für seine lieben Grußworte – er begleitete 2007 die Gründung von Slow Food Ingolstadt.

Petrus ließ sehr gnädig nur kurz einige Tropfen fallen. Wirklich wahr – als die Band „Summertime“ anstimmte, kam die Sonne wieder raus…

Ingolstadt liebt Autos (siehe nächstes Bild). Dagegen ist absolut nichts einzuwenden. Freilich ist zu hoffen, dass es beim Vorsprung durch – neue 😉 – Technik bleibt… In jedem Fall kommt Ingolstadt langsam auf den Geschmack. Slow Food Ingolstadt bleibt dran!

Seit dem 14. Juli ist in allen Filialen der Metzgerei Joseph Huber das Naturschwein erhältlich:

Ein letztes Dankeschön an Bettina Krugsperger und Holger Merten. Von ihnen stammen die geistreichen Entwürfe für die T-Shirts. Produziert wurden sie von 3FREUNDE (mit zertifizierter Fairtrade-Biobaumwolle):

Bilder mit der Signatur „LP“ (links unten im Bild) stammen von Lars Peschke.

Marginalie (49) – Fünfhundert + eins

The year after. Das Jahr eins nach den letztjährigen Feierlichkeiten zum 500. Geburtstag des Reinheitsgebots. Erster Eindruck: An der Donau nichts Neues. Ingolstadt vollzog soeben zum vierten Mal sein „Fest zum Reinen Bier“. Mit dabei: Danielbräu, Herrnbräu, Nordbräu, Schwalbenbräu, Hofbrauhaus Freising, Gutmann, Riedenburger, Schneider (Essing), Weltenburger und – erstmalig – Yankee & Kraut.

Die Zeit um 1516 gab und gibt den Takt vor: In Musik, Gewand und Unterhaltung. Eine solide Veranstaltung. Gut und aufwendig organisiert. Soweit so bekannt.

Damit wird es aber wohl nicht (mehr) gelingen den Bogen neugierig und glaubwürdig ins Heute zu spannen. In eine quicklebendige, kreativ-pulsierende Bierszene, die der lange vergessenen Vielfalt des wunderbaren Tranks Respekt zollt. Das gewählte Format stößt hier an Grenzen. Das zeigt sich bereits an einem nicht zu unterschätzenden Detail. Für alle ausgeschenkten Biere wird ein einheitlicher Steinkrug verwendet. Das ist sicher praktisch – er kann an allen Stationen per Pfandmarke zurückgegeben werden. Und er passt natürlich ins historische Bild. Dem Genuss dient er vielfältig aber gerade nicht. Bereits optisch. Ein Weltenburger Barock Dunkel oder ein Rotbier von Schneider wollen gesehen werden. Die Perlen der Kohlensäure im Weißbier und Pils brauchen Weg und Raum. Und für das herrliche Hopfenbukett eines Indian Pale Ales und seine Aromen ist ein Steinkrug nicht einmal eine Ersatzspielstätte! Da hilft es dann leider auch nicht, die guten Jungs von Yankee & Kraut da zu haben (die zu der oben beschriebenen lebendigen Bierszene gehören). Wobei – da waren sie in persona der Brauer (Bryan France und Max Senner) ja gar nicht – sondern bezeichnenderweise auf der Beer Craft in Bozen…

Ihr ausgeschenktes köstliches „Hoada“ (Black Ale, Kooperations-Gebräu mit Isarkindl) passte jedenfalls zum Wetter – mit dem man letztlich doch Glück im Unglück hatte. Hoada steht (angeblich – ich finde dafür keinen Beleg) für eine kalte, klare Winternacht:

Wenn nicht (nur) mit diesem Fest, wie und wann will Ingolstadt seinem (selbst formulierten!) Anspruch als Bier-Stadt denn gerecht werden? Die Veranstaltungskalender für das weitere Jahr rufen zu dieser Angelegenheit nichts Erwähnenswertes mehr auf… Und ich dachte wirklich, dass es jetzt – nach dem großen Geburtstag – erst so richtig losgeht!

Eine Momentaufnahme beim Ausschank meiner Lieblingsbrauerei – Riedenburger – zeigt auf einen Blick ansatzweise, welches Segel es beherzt zu entrollen gilt:

An dieser Stelle soll deshalb unbedingt auch der neu gegründete Verein der Deutschen Kreativbrauer Erwähnung finden. Zur Vertiefung hier. Ihr gefordertes Natürlichkeitsgebot (lesen!) wäre/ist meine Heimat.

Quelle: www.facebook.com/deutschekreativbrauer

Bei Nordbräu hielt Andrea Mödl – Wirtin im Schutterhof – ihren Veranstaltungskalender für 2017 hoch:

Freitag den 14. Juli ab 18:00 Uhr sollte man sich dabei ganz dick vormerken!

Draußen vollzieht sich zur Stunde immer noch der Abbau des Bierfestes. Wir sind gerne mittendrin 😉

Und gegen ein süffiges Helles im Steinkrug ist ja nichts einzuwenden. Wobei Gerhard Polt auch hier eine Unwägbarkeit sieht („…I ziag o, das heisst ich trinke quasi, aus am Steinkrug, nam, plötzlich vermerke ich a so an Schlader, hab i so an Gschlader im Hois…“).

Abschwenk. Paulaner. Es wird nicht meine Marke werden. Trotz feiner Werbung. Ich konstatiere aber gerne die Bewegung in die richtige Richtung. Probiert am Wochenende im Münchener Wirtshaus im Braunauer Hof. Sehr fein renoviert. Gute Küche (Kalbsherz vom Grill!):

Foto: Moritz Olma

(48) – Marginalie – (50).