Marginalie (8) – Geliefert

In Großbritannien wird Kochen jetzt als Schulfach eingeführt. Diese Ankündigung würde ich mir auch vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus wünschen.

Immer mehr Menschen können es nämlich nicht (mehr). Dankbare Opfer der Lebensmittelindustrie und der Junk Food Jongleure. Zeitnot lasse ich nicht wirklich gelten – bei durchschnittlich 239 Minuten täglicher(!) Fernsehzeit im Jahr 2011 (Zuschauer ab 14 Jahren). Wohl eher eine Sache der Priorität. Verkehrte Welt. Deine Nahrung wird Teil von dir … Auf die Frage, warum er koche, hat mir mal jemand gesagt: „Aus Notwehr!“

Essen wie bei Muttern – wohl denen, die das sagen können. Und wir wollen auch die Großmütter nicht vergessen. Frisch zubereitetes, gutes Essen von jemandem der einen liebt. Gibt nicht sooo viel, was da drüber geht. Schon mal dieses Plakat (Ingolstadt, Münchener Straße) gesehen?

deine mudda

Wie krank ist das denn? Aber nicht so schnell. Als Rechtsanwalt versuche ich alles zu finden, was für den Mandanten sprechen könnte. Also sehe ich das mal so: Wenn Du hier bestellst, schmeckt es wie von deiner Mutter gekocht. Ein zugegeben mühsamer Versuch. Werbung halt. Man kann es aber auch anders sehen. Weil seine Mutter kocht, greift der Kretin zum Telefon. Ein Blick auf die Website des Zwischenhändlers schafft ernüchternde Klarheit. Zur Kampagne steht dort:

„Deine Mudda kocht und Du fragst Dich, was das mit lieferando zu tun hat. Deine Mudda kocht Wasser nach Rezept? Und Burger brät sie auf dem Ceranfeld? Oder sammelt sie Laub für ihren Blätterteig, während Du die Smarties für den Schokoladenkuchen schälen musst?“

Es ist nicht krank. Es ist schon gestorben. Im Startblock. Meine Mutter ist gerade im Lande. Nächsten Sonntag kocht sie für uns. Ich freue mich darauf!

(7) – Marginalie – (9).

2 Gedanken zu „Marginalie (8) – Geliefert

  1. Das Plakat hängt und nervt schon seit Wochen am Bahnhof in Dachau. Dumme Werbung, mit wirksamer Aussage im Kern der Behauptung: „Essen bestellen“ ist keine Ausnahme mehr, sondern Lebensstil. Not my department.

  2. Es ist tatsächlich so gemeint, wie vermutet: weil „Deine Mudda“ kocht, bestellt der Kretin lieber was anderes.
    Hintergrund: die derzeit wieder gängigen „Deine Mudda“-Witze, bei denen die Mutter auf möglichst absurde, witzige Art herabgesetzt wird. Damit erreicht die Werbung exakt die Zielgruppe, in denen die Witze kursieren. Diese Werbung bietet eigentlich alles, was angesagt ist: den Witz, die jederzeitige Verfügbarkeit von Konsum (diesmal nicht A*mazon :-)), I*phone oder Tablet, Bezahlung per p*ay pal.

    Und es geht exakt gar nicht um Ernährung, sondern um … Werbung.

    Lieben Gruß
    Die Toni

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