Günter Grass ist Literatur. Aber! „Ich zeichne immer, auch wenn ich nicht zeichne, weil ich gerade schreibe oder konzentriert nichts tue … Lange bevor ich 700 Seiten das Märchen vom Butt als Roman schrieb, habe ich den großen Plattfisch mit dem Pinsel, mit der Rohrfeder, mit spröder Kohle und mit weichem Blei gezeichnet. Und als dann der Butt als sprechender Fisch zu Wort kam … entstanden Radierungen in verschiedener Technik (Ätzung, Kaltnadel), die jeweils, ohne Illustration zu sein, der Thematik des epischen Stoffes zugehörten oder sie bis in jene Bereiche erweiterten, die der erzählenden Prosa unzugänglich und nur der Lyrik offen sind.“ (Günter Grass|Über das Zeichnen und Schreiben)

Als ich vor langer Zeit das Esszimmer eines Freundes betrat, erblickte ich ein Bildnis. Es war eine Radierung aus dem Jahr 1992 von – Grass. Sie hat den Titel „Fünf Dorsche“:

Ich war hin und weg! Dann lehrte mir mein Freund Alexander eine Lektion, für die ich ihm heute noch dankbar bin. Ich bat ihn nämlich mir das Bild auszuleihen. Ich wollte es fotokopieren. Er verweigerte das kategorisch! Ich blieb hartnäckig. Er soll sich nicht so haben. Was ist dabei? Es ist nur für mich. Privatsache … Keine Chance! „Das ist ein Original“, sagte er „und das bleibt es auch. Kopien haben wir genug – überall“.

Abschweif. Ich schließe die Augen und … es ist Sommer. Früher Abend. Die Zikaden sind schon auf Sendung. Eine Terrasse. Gerne mit Blick auf einen See oder gar das Meer. Der Grill ist mit einem ganzen Fisch bestückt. Sein Duft ist überall! Kräuter, Salz, Olivenöl, Zitronen – Weißwein. Viel Weißwein!

Wie erstehe ich also auch einen solchen Grass? Kunsteinkauf war – bis auf eine Zeichnung während des Studiums – Neuland für mich. Internet rauf und runter. So richtig komme ich nicht weiter. Und das begehrte Motiv findet sich nicht einmal als Foto irgendwo … Die Lösung ist manchmal überraschend simpel. Wenn ich einfach …? Warum nicht! Eine Telefonnummer ist schnell gefunden. Grass wohnte in Lübeck.

Dass er höchstpersönlich den Hörer abnahm – damit war freilich nicht zu rechnen! Es war mein erstes – und bisher auch letztes – Telefonat mit einem Nobelpreisträger … Sein Sekretariat sei heute nicht besetzt. Ja, es müsste schon noch Originalgrafiken aus der Serie geben. Ich solle mich noch einmal melden. Seine Sekretärin werde dann im Magazin nachsehen …

Einige Wochen später hielt ich – aufgeregt und andächtig zugleich – meinen handsignierten Druck mit der Nummerierung 23/80 in den Händen – das erste Foto oben zeigt ihn. Er hängt in unserem Esszimmer. Die Freude daran nimmt nicht ab. Im Gegenteil. Und er machte und macht Lust auf mehr … Mein jüngster Erwerb kommt aus dieser Quelle.

Es ist etwas gänzlich anderes, ein Original zu betrachten, mit ihm Zeit zu verbringen. Denkt nur mal an euren letzten Besuch im Museum! Danke Alexander. Und weil es gerade so schön passt: „Ohne Kunst & Kultur wird’s still“ …

Das habe ich gerade gefunden: „Die Welt, hat ein Philosoph geschrieben, sei alles, was der Fall ist. Aber um dies feststellen zu können, bedarf es eines archimedischen Punkts. In einer Welt der schwierigen Fälle und der unsicheren Dinge heißt dieser Punkt: das Original. Noch nie waren wir so sehr auf Originale angewiesen wie heute, noch nie waren wir so süchtig danach. Das Original sagt uns, wann etwas begann und wie etwas Neues in die Welt kam. Es spendet Legitimität, setzt Werte fest, sichert künstlerische Originalität und kulturelle Ursprünge. Es ist die Antwort auf die Frage, warum etwas sei und nicht nichts: Es verhindert, dass uns die Welt entgleitet, die Kopien überhand nehmen, dass Fälschungen uns blenden. Was täten wir, wenn es morgen kein Original mehr gäbe?“ (Der Wert des Originals|Gottfried Boehm)

Das Werk ist das Eine. Seine Fassung das Andere. Der Abgang ziert die Übung … Wo lässt man in Ingolstadt gut rahmen? Bei Sieglinde Pablitschko in der Galerie am Schloß (Paradeplatz 11) und bei Ines Krycha in der Kleinen Koloria (Poppenstraße 2|ehemaliger Lego-Laden). Beide Damen sind übrigens Mitglied bei Slow Food 😉

Auch mein Freund Alexander empfiehlt diese beiden Adressen. Mit folgender Ergänzung: „Wenn Ingolstadt nicht wissen soll, was du so rahmen lässt, dann habe ich da noch einen Tipp in Nürnberg …“. In dieser Liga spiele ich nicht. Und das noch habe ich bewusst weggelassen.

In der Ingolstädter Pfarrgasse 2-4 hat Miriam Popov einen kleinen, feinen „mixed bag-Laden“ (gegenüber dem legendären mundgerecht). Ihr selbstgemachter Sardinen-Druck (handsigniert auf Gmund Bio Cycle Papier) war natürlich ein Sofortkauf. Frei nach Vincent Klink: Vom Einfachen das Beste. Man beachte die Rahmung …

In Ermangelung von Sommer, Grill und überhaupt, mache ich mir jetzt eine Dose bretonische Jahrgangssardinen (2019) auf:

2 Kommentare

  1. Hallo Michael 😊
    Ich fühle mich sehr geehrt, ganz lieben Dank für Deine Empfehlung, ein sehr schöner Artikel !

  2. Immer und immer sind die Originale wichtig. Die Menschen mit ihren so vielfältigen und gottseidank unterschiedlichen Charakteren, diese Originale meine ich und diese Menschen produzieren eben auch Originale … angefangen von der Zeichnung über den bretonischem Fisch die handgemachte Butter oder Pasta. Da kann man rauf und runter quer durch die Welt gehen schauen… die Unterschiedlichkeit der Menschen ist unser Reichtum unsere Zukunft und nicht das alles gleich machen denken das die ‚modernen‘ Wirtschaftsweisen so gerne überall durchdrücken wollen…… Danke für deinen Anreiz über Originale, Menschen und Fische …. die mich diese Gedanken finden ließen

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