Zwischen Brotscheiben – in Wien

Ein Butterbrot mit etwas Salz und frisch geschnittenem Schnittlauch. Slow Food erster Güte! Bezieht sich das slow doch nicht – wie aber irrtümlich oft angenommen – auf die Zeit der Zubereitung. Diese ist hier ja sehr fast. Slow Food grenze ich deshalb auch lieber gegen Junk Food ab. Zurück zum slow. Damit soll das Werden des Essens beschrieben werden. Zeit zum wachsen, zum reifen. Im Einklang mit seiner und der Natur. Handwerklich verarbeitet. Aus der Region. Mit Saison. Bereits die Beschleunigung eines Discounter-Backautomaten-Brots…

Die weltweite Vielfalt ist überwältigend. Beim Runterfallen landet es auf der falschen Seite. In der Hauptstadt heißt es Stulle. John Montagu, 4. Earl of Sandwich adelte es. Die Turiner Spielart hat es mir besonders angetan: Das Tramezzino.

Der aufmerksame Leser weiß um meine tiefe Sehnsucht nach Wien. Dort, am Franzikanerplatz 3 gibt es bei „Expedit Van Veinsten“ mit die besten Tramezzini die ich heute kenne. Paté di funghi (Steinpilz-Champignoncreme, Radicchio), Prosciutto-Asparagi (gek. Schinken mit Spargel) oder Tacchino affumicato (geräucherte Putenbrust, Curry, Salat). Köstlich. Das Brot liefert die Bäckerei Kolm (2011 von Slow Food Wien für die beste Handsemmel Wiens ausgezeichnet). Natürlich war ich bei meinem letzten Stadtbesuch auf einige Schnitten dort.

Zum ersten Mal war ich im Mai 1989 in Wien. Das Abitur war gerade abgelegt. Der Grundwehrdienst stand vor der Tür. Mein Schulfreund Jörg weilte in Mödling (Städtchen im Wienerwald südlich der Donaumetropole) und empfahl mir ebenfalls einen Besuch dort. Was bin ich heute noch froh ihn gemacht zu haben! Das historische Jahr 1989 öffnete gerade seine ersten Knospen. Am 2. Mai begannen ungarische Soldaten mit der Demontage des Grenzsignalzauns zu Österreich. Ende Mai waren Jörg und ich sogar in Budapest. Eine einmalige Stimmung lag in der Luft. Am 19. August dann das sogenannte Paneuropäische Picknick – die symbolische Grenzöffnung Ungarn/Österreich für drei Stunden. Hunderte DDR-Bürger nutzten das umgehend zur Flucht in den Westen. 30. September – Deutsche Botschaft in Prag. Genscher. 9. November – die Mauer fällt. Endlich.

Sternstunden der Geschichte. Ich wollte freilich nur von meinen ersten Tramezzini erzählen. Also, 20. Mai 1989 – das Internet lässt mich diesen Tag genau bestimmen. Früher Abend. Ich komme im Wienerwald an. Gleich auf dem Programm – ein großartiges Konzert von Johannes Cernota in der Mödlinger Bühne. Er spielte Erik Satie. Dessen Gnossiennes und Gymnopédies begleiten mich bis heute. In der Pause verkaufte jemand bauchladengemäß die Weißbrote. Ich war begeistert! Bleibender Eindruck. Großer Hunger in Kombination mit wunderbarem Geschmack brachte meine Reisekasse gleich in Unordnung. Nach dem Konzert wurden überschüssige Brote verschenkt. Oh Gott! Habe die Zügel aus der Hand gegeben… endgültig bleibender Eindruck.

Im aktuellen A la Carte – Bookazine „Wien isst schnell“ sind einige Sandwich-Manufakturen empfohlen. Darunter – nicht überraschend – die Mannschaft vom Franziskanerplatz. Und was lese ich im dazugehörigen Artikel? Die Tramezzini-Bar wurde ursprünglich 1987 in Mödling(!) von Otto Gratz gegründet… aha! Da bin ich mir jetzt ganz sicher.

Zwei weitere A la Carte – Empfehlungen habe ich mir hingelegt. Beide mache ich hiermit zu meinen. Einmal die Paninoteca in der Margaretenstraße 22. It´s toasted:

Der Architekturstudent(!) Xaver Kollegger fertigt hier Panini und Piadine (Basis Bosnisches Fladenbrot). Feines Caprese al Prosciutto:

Zum anderen die belegten Brote der Bio-Bäckerei Joseph in der Naglergasse 9.

Es gibt (derzeit) drei Sorten mit der Kastenbrot-Variante Josephbrot/Urlaib: „Huhn-Avocado“,  „Tofu mit Stangensellerie“ und „Roastbeef mit Schafcamembert“. Alle gehen in feinen Papierboxen liegend und mit Seidenpapier umhüllt über die Ladentheke:

Ich hatte Huhn. Deliziös!

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wiener Leitungswasser hat (zurecht) einen hervorragenden Ruf. Die Wiener Wasserwerke haben dazu diese sehr gute Idee:

Ach Wien!

4 Gedanken zu „Zwischen Brotscheiben – in Wien

  1. Lieber Michael,
    danke für die wunderbaren Tips. Wir waren vor kurzem auch länger in Wien und total begeistert. Leider darf mein Mann eigentlich kein normales Brot essen und so gibt es diese Köstlichkeiten nur im absoluten Ausnahmefall. Ich merke mir Deine Empfehlungen trotzdem mal, für die nächste Ausnahme :-).

    Viele Grüße aus der Landeshauptstadt
    Dorothée

  2. Genial, einfach genial dieser Bericht, Michael! Stellt sich die Frage: Soll das alles ‚unser Geheimnis‘ bleiben oder sollen möglichst viele davon erfahren? 😉
    LG aus Tirol,
    Walter

  3. Was soll ich sagen… man lernt nie aus… ich lebe als Wahlwienerin in Mödling und habe keine Ahnung von Wiener Sandwiches… aber auf das Paneuropäische Picknick kann ich mich noch gut erinnern. Ich habe zu Studentenzeiten als Kellnerin gejobt und ein damaliger Gast war Bürgermeister in einer der unmittelbar betroffenen Ortschaften… Liveberichterstattung sozusagen direkt von der Front…. er hat uns erzählt wie sie die Leute aufgefangen haben, Essen gekocht haben und sie mit Decken versorgt haben. Ich war von der Hilfsbereitschaft damals sehr berührt. Das hätte ich so von der österreichischen Seele nicht erwartet. Es war wirklich eine ganz besondere Stimmung auch in Wien, die ich so nie wieder erlebt habe … Mödling und die Mödlinger Bühne habe ich zu dieser Zeit noch nicht gekannt. Heute fahre ich mit dem Fahrrad vorbei, wenn ich vom Kolm das Brot hole… die Welt ist so klein.
    Lieben Gruß aus Wien von Frau Ziii

  4. Lieber Michael,

    als Exilwienerin , die Deine Sehnsucht nach Wien teilt, freue ich mich über die Tipps und werde bei meinen nächsten Wienbesuch die von Dir angegebenen Adressen aufsuchen und schlemmen. Kindheits- und Jugenderinnerungen hängen irgendwie sehr viel mit Essen und Gerüchen zusammen und wenn ich in Wien bin werden deshalb immer neue und alte Köstlichkeiten ausprobiert.
    Eine Pferdeleberkäsesemmel ( trotz meiner eigentlichen vegetarischen Lebensweise) und Trezsznewkie Schnittchen gehören immer dazu . Im Koffer werden dann jede Menge Lebensmittel aus Österreich eingepackt als wenn wir hier nichts zu Essen bekommen würden. 🙂

    Lieben Gruß aus dem Taunus

    Helga

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