Ende April war ich im Orbansaal. Letzten Montag auch. Dieses feine Bauwerk aus dem Barock, mit seinen Stuckdekoren und Reliefs in altstädtischer Traumlage, ist mir in ganz besonderer Erinnerung. Eine kleine Geschichte dazu:

Während meiner Schulzeit verbrachte ich ein Jahr im Internat. Nicht hinter den sieben Bergen, sondern mitten in Ingolstadt, im Canisiuskonvikt – der frühere Volksmund kannte es auch als „Kistn“. Zum Komplex des ehemaligen Jesuitenkollegs (1576 – 1773 = Geist ist geil in Ingolstadt) gehört auch der Orbansaal. Erbaut 1725 als Museum für die Sammlung des Jesuitenpaters und Professors der Mathematik Ferdinand Orban (1655-1732).

Orbansaal 26.04.2021

Westlich des Gebäudes, wo sich heute ein kleiner Park und eine Turnhalle befinden, war der Sportplatz des Internats. Ich glaube, es gab keinen Tag in meiner Zeit dort, an dem ich nicht in der Nachmittags- und Abendfreizeit auf diesem Platz Fußball gespielt habe. Er hatte eine Tartanfläche mit mittelgroßen Toren. Die Bälle liefen und sprangen ganz hervorragend. Im Winterhalbjahr gab es Flutlicht. Wir kickten wirklich bei Wind und Wetter. Längs der Bergbräustraße, als unmittelbarer, ständiger Blickfang die prächtige Nordfassade des Liebfrauenmünsters.

Eckstoß von rechts. Der Ball kam sehr gut. Ich ließ mich zu einer Direktabnahme hinreißen. Volltreffer. Nur die Flugbahn passte nicht. Der Ball stieg steil in die Luft, überwand tatsächlich den Schutzzaun, flog und flog und krachte schließlich klirrend in ein Fenster des … Orbansaals! Der tosender Beifall der Mitspieler begleitete mich noch eine Weile auf dem Weg zu meiner Gruppenleiterin. Eine Respektsperson. Den Vorfall galt es zu melden. In den langen Gängen begannen mir allerlei Gedanken durch den Kopf zu schießen. Ich war 13 … Mein kurzer Bericht wurde zur Kenntnis genommen. Dann geriet ich doch noch in einen Schlamassel. Ich bekam den Auftrag, die Geschichte dem Direktor mitzuteilen. Herrje! Musste das wirklich sein? Mit Monsignore Otto Maurer hatte ich persönlich noch nie zu tun. Natürlich „kannte“ ich ihn. Von den Morgen- und Abendandachten. Ein älterer Mann. Mit weißen Haaren und Kollarhemd. Der D i r e k t o r des Ganzen. Ein Respektsriese … Die langen Gänge wurden noch länger. Ich betrat unbekanntes Gelände. Dort meldete ich mich im Vorzimmer an. Unruhig wartete ich auf einer Bank. Einer harten Bank. Die Türe zu seinem Büro hätte man mir nicht aufmachen müssen. Ich wäre gut darunter durchgekommen. Schließlich saß ich ihm gegenüber. Den direkten Augenkontakt meidend, erzählte ich von meinem Schuss und seiner Wirkung. Eigentlich war es eine Beichte.

Orbansaal 19.07.2021

Er hörte mir ruhig zu. Keine Mimik, keine Gestik verrieten woran ich war. S t i l l e. Dann fragte er mich: „Wie viele Fenster hast du denn schon eingeschossen?“ Ich erwiderte wahrheitsgemäß: „Das ist mein erstes“. Er: „Was! Das gibt es doch gar nicht! Das müssen wir sogleich begießen. Mit einer Tasse Tee. Willst du einen?“ Blitzentspannung! Grinsen. Es wurde immer breiter. Dankbarkeit. Bis heute hilfreicher Maßstab für Menschlichkeit.

Der Orbansaal. Das wohl schönste Impfzentrum im Lande …

Orbansaal 19.07.2021

Darf ich einen Vorschlag machen? Lasst euch bitte impfen.

4 Kommentare

  1. Exkisterer, Sep 1967 bis Juni 1969
    Abitur bei Reuchlin

    Sehr prägende Zeit

  2. Eine wunderschöne Geschichte, danke.
    (Und HURRA! zur erfolgreichen Impfung, Bruder und Neffe haben sich ihre am selben Ort abgeholt.)

  3. die Handwerker die im Orbansaal die Stuckdecke gemacht haben, haben auch im Illuminatensaal in der Theresienstrasse 19 die Decke gefertigt um 1725

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