Es gibt Orte, die sind genau richtig, so wie sie sind. Die Zeit scheint dort langsamer zu vergehen. Hier darf man sein. Hier bekommt man zuverlässig was man braucht. Von Menschen die echt und einem zugewandt sind und kein Aufheben darum machen. Dabei sorgen sie nicht unwesentlich dafür, dass es einem einfach gut geht. Das war hier schon so, bevor man geboren wurde und es wird einen überdauern … Mist! Das Letztere stimmt leider nicht. Von einem solchen Ort will ich mich heute hier – nach drei Wochen Wehmut – endgültig verabschieden.

1931 eröffnete Bäckermeister Josef Sengl in der Ingolstädter Harderstraße 15 seine Bäckerei. 1959 übernahm sie sein Sohn – Bäckermeister Hermann Sengl – und dann 1992 sein Enkel Konditormeister Rudolf Sengl mit seiner Frau Christine. Am frühen Nachmittag des 24.12.2025 war dann Schluss. Nach fast 95 Jahren – ist der Ofen aus. Für immer.

„Wir geben nicht auf, es ist mehr ein organisierter Ruhestand. Vom Bauchgefühl her ist es der richtige Augenblick“ – so Rudi Sengl im Donaukurier. Das habe ich in Gesprächen mit den Sengls auch so gespürt – vor der Schließung besuchte ich die Bäckerei fast täglich. Sie waren ob der besonderen Situation durchaus bewegt, aber stets klar und zumeist sogar fröhlich. Die Suche nach Schuldigen entfällt damit. Was am herben Verlust für uns Kunden freilich nichts ändert.

Eigentlich ist es ein Kommen und Gehen auf dieser Welt. Wobei ich mich frage, ob diese Veränderungen sich zwischenzeitlich qualitativ (noch) die Waage halten. Ich wage festzustellen – vom Fühlen ganz zu schweigen – dass das Gehen schon länger überwiegt. Die Guten werden … weniger. Und nicht nur das. Eine ganze Kultur scheint wirklich zu verschwinden. Preisfrage: Wo wird auf Ingolstädter Boden noch gewerbsmäßig gebacken? Ich zähle auf: Bäckerei Kuttenreich, Bäckerei Würzburger (Edeka Würzburger in Gerolfing), Bäckerei Mirz (Zuchering), ein nachbarschaftlicher Brotbackverein und einige türkische Bäckereien (stellvertretend erwähne ich hier die Bäckerei Güroglu). Das wars für die fünftgrößte(!) Stadt Bayerns … Mich erschüttert das. Seit einigen Jahren pflege ich deshalb eine Liste von Bäckereien, die es in Ingolstadt nicht mehr gibt. Und von Metzgereien.

Also, als ehrliche Liebeserklärung, ein letztes Hoch auf die Glatten, Pfenningmuckerl, Kastenweißbrote, Doppelte Kuppeln, Zeltl und Spitzwecken. Auf die Marzipanhörndl, Quarktaschen, Nusshörndl, Rohrnudeln, Croissants, Scones und Bamberger. Nicht zu vergessen die Mooshäuslbrote, Frankenlaibe, Zunftbrote, Brotzeit- und Gewürzlaiberl. Und endlich auf die vielen saisonalen Spezialitäten! Allesamt von einem Ort, der genau richtig war.

letzter Tag|24.12.2025|früher Vormittag
Glatte
Pfenningmuckerl
Kastenweißbrot
Doppelte Kuppel
Zeltl
Spitzweck
Christine Sengl u. Manuela
Marzipanhörndl
Quarktasche
Nusshörndl
Rohrnudel mit Apfel
Croissant
Scones
Alexandra, Katharina, Veronika, Rudolf, Christine u. Christian Sengl
Bamberger
Mooshäuslbrot
Frankenlaib
Frankenlaib
Frankenlaib

Ein guter Abgang ziert die Übung, wusste Friedrich Schiller. Und offensichtlich auch Rudi Sengl. Montag und Dienstag hat die Bäckerei geschlossen. Der letzte Tag war der 24.12. – ein Mittwoch. Jetzt möchte man meinen, dass im Ausnahmezustand des finalen Lebewohls, nach 95 Jahren, noch dazu vor Heilig Abend, auch an den beiden Schließtagen geöffnet sein würde. Nein. „Montag und Dienstag bleibt zu. Die Leute kommen sonst durcheinander“. Liebe Familie Sengl – ich wünsche euch von Herzen einen genussvollen (hochverdienten!) Ruhestand. Danke für alles.

Zu meinem letzten Trumpf im Ärmel. In unserer Tiefkühltruhe liegt noch ein ganzer Frankenlaib! Es wird wohl ein Genuss unter heißen Tränen.

6 Kommentare

  1. Author

    Dann schauen wir dort mal nach. Danke Thomas!

  2. Author

    Gerne David. Durch die Notiz und die Fotos „leben“ sie im Netz weiter …

  3. Zeltl gibts in der Bäckerei Josef Knabl in Gaimersheim, wenn ich nicht irre.

  4. Danke Michael! Ein sehr schöner Abschied von meiner Lieblingsbäckerei. Frankenlaib, Pfenningmuckerl und Rohrnudeln (mit Rosinen) werden mir besonders fehlen…und der morgendliche Ratsch mit der Manuela.

  5. Author

    @Ralf Golletz – ich weiß es leider nicht. Wenn Quelle bekannt, bitte gerne hier posten!

  6. A doppelte Kuppl und a Zeltl……..mein Sonntagsfrühstück.
    Wo gibt’s denn jetzt noch Zeltl ?
    Hat jemand einen Tipp?

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