Fingerzeig (42) – Wirtshauslegende schließt

… und was eine Brennnesselsuppe bewirken kann.

Ich will diese Notiz gar nicht schreiben! Es ist hochbetrüblich. Es wird wehtun. Nein, das tut es schon jetzt. Und ich weiß nicht, wie ich es schonend beibringen kann.

Vielleicht so: Wer Lust hat den Urmeter eines anständigen Wirtshauses zu besuchen, der hat dafür immerhin noch gute zwei Monate Zeit.

Wer hier noch nicht war, der sollte das tun! Wem die Stätte der Stärkung – weitere in jeder Hinsicht zulässige Synonyme wären Erquickung, Annehmlichkeit, Beruhigung, Kräftigung, Besserung, Vertiefung, Neubelebung, Stabilisierung, Wohltat, Erholung, Sicherung, Wiederherstellung, Rast, Erbauung, Stützung, Tröstung, Verankerung, Festigung, Erfrischung und Genesung – hingegen bekannt ist, der wird das tun!

Es ist (leider) vom wunderbaren Gasthof Stirzer in Dietfurt die Rede. Und noch viel wichtiger von den Menschen, die ihn dazu gemacht haben: Den Wirtsleuten Irmi (Irmgard) und Sepp (Josef) Hierl. Deren (digitaler) Abschied fällt – nicht untypisch – restlos geerdet und bescheiden aus. Screenshot der aktuellen Website:

Was kann ich (noch) sagen? Ich hatte hier eine sehr prägende Erleuchtung, die bis heute fortdauert. Nachzulesen im aktuellen „Slow Food Magazin“:

Und in der sehr empfehlenswerten Buchreihe „Lebensart genießen“ (selekt Verlag), Ausgabe „Regensburg“:

Wir – meine Frau Petra und ich – haben hier unsere Hochzeit gefeiert. Eine weitere sehr prägende Erhellung. Auch sie ist von Dauer.

Weißt Du, welche Gerichte ich am meisten vermissen werde Sepp? Es sind drei – Du nennst sie so schön – Voressen: Natürlich die „Brennesselsuppe mit Schwarzbrotkrustl“. Stell Dir vor, ich habe kein einziges Foto davon! Dann die „Nudelfleckerl mit Speck/Krautfüllung“ (und zerlassener Butter mit frisch geriebenem Hartkäse)

sowie das „Brezenknödel-Carpaccio mit Blutwurstgröstl:

Hier entstand 2015 eine frohsinnige Reihe sommerlicher Nachbarschaftstreffen von Slow Food Ingolstadt mit Slow Food Niederbayern:

Sommer 2015

Sommer 2017

Die junge Tradition erfährt jetzt nach drei Auftritten einen herben Schlag. Ist doch gerade dieser Ort mehr als wesentlich… Was soll diesen Innenhof ersetzen? Wie geht es weiter Georg Flingelli?

Gegenwärtig verschickt Slow Food die Urkunden für die im Jahr 2018 im Genussführer gelisteten Wirtshäuser. Eine davon werden wir nicht (mehr) übergeben.

Sepp Hierl kochte dazumal in Ingolstadt. Im eigenen Wirtshaus im (alten) Theresiencenter. Ich bekomme den Namen nicht mehr hin. Irgend eine Adelsgeschichte. Wer ihn noch weiß, kommentiert ihn bitte. Dann – beim Schafkopfen – kam der Tipp: In Dietfurt stand die Komplettsanierung eines historischen Gebäudes vor dem Abschluss…

Am 02.06.1994 (Fronleichnam) schlossen die stolzen neuen Pächter die Türen auf. Jetzt, nach sehr guten 23 Jahren reicht es einfach. Die Hierls haben den Pachtvertrag ordentlich gekündigt. Im Sommer nahm mich der Sepp kurz zur Seite: „Miche – wir hören auf“. Ich musste mich setzen. Ein Nachfolger ist bis zur Stunde nicht in Sicht. Die Hierls schließen – sicher nicht ohne Wehmut – aber rundrum zufrieden am 31.12.2017 die Türen.

Was für ein Verlust… Liebe Irmi, lieger Sepp – Danke. Von ganzem Herzen. Für so vieles!

(41) – Fingerzeig – (43).

8 Gedanken zu „Fingerzeig (42) – Wirtshauslegende schließt

  1. Servus Miche,
    vielen herzlichen Dank.
    Das Wirtshaus in Ingolstadt hieß Herzog Wilhelm.

  2. Lieber Michael, Du sprichst mir wie so oft aus der Seele. Keine fünf Finger brauche ich, um mir alle die Wirtshäuser vor Augen zu führen, in denen ein Gefühl des rundum Stimmigen wie beim Stirzer aufkam: die kontinuierliche Qualität des Essens und Trinkens sowieso, das unbandig gmütliche alte Gemäuer und vor allem die Herzlichkeit und Gastlichkeit der Wirtsleute. Wir sind ihnen alle zu großem Dank verpflichtet. Und auch wenn es jetzt wehtut – gönnen wir ihnen, dass sie nach so vielen bestimmt oft stressigen Jahren neue Freiheiten und Ziele verfolgen dürfen!
    Aber natürlich, dadurch haben wir jetzt ebenfalls neue Herausforderungen zu meistern: Wo gehen wir zum Essen hin? Zum Feiern? Was geschieht mit unserer gerade mal 2015 begründeten Tradition des freien Bieres? Ohne Stirzer momentan gar nicht vorstellbar…

  3. Wir und der ganze Fuchsbräu haben dem „Stirzer“ bzw. Sepp und Irmgard viel zu verdanken. Auch Wirtsleute wollen mal privat essen gehen und da war der Stirzer für uns immer ein willkommener Rückzugs- und Anregungsort. Über den Stirzer sind wir auf das Slowfood Convivium Ingolstadt aufmerksam geworden, haben uns voll und ganz damit identifiziert und sind ja nun selbst im Genussführer. Uns wird der Stirzer sehr fehlen und Dietfurt ist um eine Institution ärmer.

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