Vorfreude, Sehnsucht oder schon Hingabe?

Ich mag die jahreszeitlichen Wechsel. Saisonalität. Gerade auch beim Essen. Irgendwann beginnt die Vorfreude. Dann kommt die Sehnsucht. Endlich ist die Zeit der lustvollen Hingabe! Die Vergänglichkeit bewahrt uns schon bald vor Übersättigung. Eine neue Vorfreude bahnt sich nämlich schon an. Ist das nicht schön? Wenn man sich auf diesen klugen Rhythmus einlässt! Der Ich-will-alles-sofort-und-immer-Kasperl weiß gar nicht was er – aus seiner Sicht natürlich vollkommen paradox – entbehrt…

Vor einer guten Woche verkündete dieser Mann das Ende der Sehnsucht nach süßem, kräftig gewürztem Gebäck:

erhard2015 (2)Er – Wolfgang Erhard – darf das. Gerade seine Schöpfungen sind auf das Vortrefflichste für lustvolle Hingaben geeignet. Und hat man sie einmal probiert, trägt man den Keim für zukünftige Sehnsüchte in sich. Das sind Teufelskreise…

Spannend – seht meinen Bericht 2014 – die Frage: Wer ist der Neue? Es gibt dieses Jahr gleich zwei! Einmal Maroni-Vanille:

erhard2015 (5)Dafür ausgelistet wurde Honig-Mandel. Und Premiere bei den gefüllten/himmlischen Lebkuchen hat Granatapfel-Trüffel (Chilli-Feige ist dafür weg vom Blech):

erhard2015 (4)Ab Mitte Oktober werden übrigens alle Lebkuchen mit Dinkelmehl aus der regionalen Kunstmühle Hofmeir gemacht!

Meine Sehnsucht hat noch gar nicht begonnen. Ich bin noch im Vorfreudemodus. Und damit nicht allein. Günter Grünwald (Grünwaldsches Lebkuchengesetz): „Das Inverkehrbringen und Verzehren von Lebkuchen und ähnlich gelagerter weihnachtlicher Backwaren vor dem 9. November des jeweilig aktuellen Jahres wird mit Gefängnis nicht unter 4 Jahren bestraft. Wahlweise gibt es 12 Bockfotzn.“  Ab 15.11. (2 Wochen vor der Adventszeit) werde ich mich hingeben. Vornehmlich bei meinen unangefochtenen Favoriten:

erhard2015 (1)Die niemals ausgelistet werden – Wolfgang?!!!!

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Marginalie (39) – Ingolstadt schafft es einfach nicht

Volksfeste haben es heute nicht leicht. Anno dazumal im ereignisarmen Arbeitsjahr von allen sehnsüchtig erwartet um ungezügelter Lebensfreude endlich Raum zu geben, wurde ihnen bereits seit geraumer Zeit (auch) durch eine penetrante allgegenwärtige Spaß-, Party- und Eventkultur der Rang abgelaufen. Die vielen fast jederzeit zugänglichen Freizeitparks erschweren ihnen das Leben zusätzlich.

Stellt man sich diesen Veränderungen nicht, wird man nach hinten durchgereicht. Dort ist für mich das Ingolstädter Volksfest angekommen. Egal ob Pfingsten oder jetzt im Herbst. Nach dem eröffnenden – regelmäßig gelungenen! – Festzug versinkt die Veranstaltung für den Rest ihrer Zeit in Lieblosigkeit und Ballermann-Anmutung.

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La Grande Schmierâge 2015

Natürlich habe ich dabei im Besonderen zunächst das Essen im Auge. Eine nicht unwesentliche Zutat für Lebensfreude! Dieser unglücklich formulierte Bericht (Überschrift und Einleitungssätze) hat mir vergangenen Freitag Hoffnung und Lust gemacht. Vor Ort dann Fehlanzeige. Wieder wurde beim Wiesn-Klassiker die Latte gerissen! Es gibt kein Bio-Hendl. Was in München eine schöne Selbstverständlichkeit ist und in Pfaffenhofen gerade auf ganz wunderbare Weise gemeistert wurde (wertig regional und Bio) schafft Ingolstadt – die Weltmetropole – einfach nicht. Der Anfang war gemacht. Der Rückschlag setzt sich laufend wieder durch. Wo ist endlich der Vorsprung durch Genuss in der Stadt, aus dem die dumme Idee „Geiz ist geil“ kommt?

Fehlt hier die Nachfrage oder das Angebot? Beides. Die Masse der gegenwärtigen Volksfestbesucher fragen Bio offensichtlich nicht wirklich nach. Vor dem Hintergrund, wie unendlich wichtig ein nachhaltigerer Umgang mit Boden, Wasser, Luft und Biodiversität wäre, ist das bitter. Die derzeitige Besucherstruktur ist nach meiner Beobachtung jedoch kein Abbild der Gesellschaft. Aber soll es nicht gerade ein Volksfest sein? Ein Fest für alle? Und da kommen jetzt die Wirte ins Spiel. Wo ist deren Angebot für weitere (nicht bessere!!!) Schichten der Bevölkerung? Warum adressieren sie so eng. Der Kuchen ist doch so viel größer. Die Henne-Ei-Frage ist hier klar beantwortet. Die Nachfrage ist da, wird aber nicht bedient. Deshalb bin ich zum Brotzeiten auch wieder nach Hause gegangen. Andere bleiben gleich dort. Wie gerne würde ich z. B. auch mit unserer Kanzlei Mandanten etwas Gutes tun und sie vor Ort zur Mittags-Wiesn einladen. Ich weiß von nicht wenigen Selbstständigen, denen es mit ihren Kunden auch so geht. Vielleicht übertreibe ich jetzt ein bissl, aber es müsste fast ein wenig zum guten Ton gehören gerade hier dabei zu sein – think global, act local! Die Realität: Große Leere zur Mittagszeit. Es gibt nicht ansatzweise Engpässe bei der Reservierung oder gar Wartelisten. Das Spiegelbild eines fehlenden Angebots… Und zu diesem gehören für mich und meine Gäste – wenn sie denn keine Vegetarier oder Veganer sind – ein Huhn mit einem anständigen Leben vor dem Tod.

Und man komme mir jetzt bitte nicht mit dem Preis. Nicht beim Essen. Nichts kommt uns so nah, wird gar Teil von uns! Es ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Eine Frage der Priorität. Im Handy-Shop weitet sich der Gürtel… Motor- oder Salatöl? Wer sollte den ersten Zugriff in den Geldbeutel haben?

Ich bin wahrlich kein Freund des Industrie-Essens von McDonald’s. Aber selbst deren Fisch ist nach den MSC-Umweltstandards zertifiziert. Soeben wurde dort verkündet, dass bis zum Jahresende wieder alle Hähnchenprodukte von Tieren stammen, die mit gentechnisch unveränderten Futtermitteln aufgezogen worden sind. Und dann soll es jetzt sogar erstmals Burger mit Bio-Rindfleisch geben. Wenn also selbst dieser Konzern die Signale hört…

Noch ein aktuelles Beispiel, diesmal wieder aus Ingolstadt. War die Freude nicht gerade groß über den sehr gelungenen Einstand von Jürgen Nüsslers (Weinschmecker) Weinfest auf dem Paradeplatz? Er setzte im Gegensatz zu dann letztendlich auch gescheiterten Masse statt Klasse-Vorgängerveranstaltungen beherzt auf Qualität bei Essen und Trinken! Und wurde dafür zurecht belohnt.

Ich bin mir absolut sicher, dass man mit der von der Politik/Verwaltung bisher präferierten „Freiwilligkeit“ für Veränderungen bei diesen Wirten nicht mehr weiterkommt. Man sollte das Tragen zur Jagd beenden und baldmöglichst zum Diktat bitten. Die Situation erinnert mich durchaus auch an die unerträglich langen Hängepartien beim Nichtraucherschutz. Die Allerwenigsten wollen hier übrigens zum Zustand vor dem 1. August 2010 zurück.

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La Grande Schmierâge 2015

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das Bio-Hendl wird es nicht einzig richten. Es gibt mehr Stellschrauben. Und es wird dauern, bis sich der gedrehte Wind herumspricht. Ich stelle mir also vor, ich wäre Festwirt (mit Lust am Beruf und Phantasie). Was würde ich – weitere Teile des Volks ansprechend – begleitend zum zukünftig besseren Essen machen?

  • Boxsport, als olympische Disziplin zumal, ist aller Ehren wert. Heute sind die Zelte sogar (endlich) rauchfrei. Ich würde den Amateurvereinen der Region (wieder) einen Ring geben.
  • Ich würde über Brauchtumssportarten wie das Fingerhakeln nachdenken.
  • Ich würde den unzähligen Schützenvereinen der Region eine Bahn frei machen (Oktoberfest: Armbrustschützenzelt und Schützen-Festzelt).
  • Ich würde darüber nachdenken, wie man Trachtenvereine über den Festzug hinaus stärker einbinden kann.
  • Ich würde dem Ballermann einen Abend geben. Und ansonsten der echten Volks- und der jungen Volxmusik eine Bühne bereiten. Im Stil eines musikantenfreundlichen Wirtshauses gerne auch eine offene Bühne.
  • Ich würde einen bayerischen Poetry Slam veranstalten.
  • Ich wurde über einen Tanzboden nachdenken.
  • Ich würde mir auf dem Oktoberfest den wunderbaren Erfolg der „Oiden Wiesn“ ansehen, begreifen und wesentliche Weichen Richtung Entschleunigung und echte Gemütlichkeit (eine bayerische Herzensangelegenheit) stellen.
  • Noch einmal zum Essen: Was sich im Münchner Festzelt der Ochsenbraterei dreht ist klar. Ich würde mal einen Versuch mit gegrillten Altmühltaler Lämmern machen. Ein nicht unbeachtlicher Anteil türkischer Schanzer würde das sicher auch begrüßen.

Ich kann Euch gar nicht sagen wie viel Lust ich auf eine solche Schanzer Wiesn hätte! Wenn nur endlich die Verantwortlichen begreifen würden, dass ich damit nicht alleine bin…

Die beiden Hähne auf den Bildern oben finden sich in der aktuellen La Grande Schmierâge in der Klein-Salvator-Straße.

(38) – Marginalie – (40).

Mancher gibt sich viele Müh‘ Mit dem lieben Federvieh

Mein Lieblingsessen mit Fleisch? Huhn. In allen seinen köstlichen Varianten. Mit Curry, mit Paprika, mit Waschmaschinenmotor gegrillt.

Auf Volksfesten gilt das Hendl als Klassiker. Leider kommen diese mit Antibiotika satt gefütterten Tiere für gewöhnlich aus Massenqualhaltung (die Agrar-Industrie-Lobby bemüht dafür den Begriff „moderne Tierhaltung“). Sie zu essen heißt seinen (beachtlichen!) Teil zur Aufrechterhaltung dieses abartigen Systems beizutragen.

Erfreulicherweise haben wir aber die Wahl. Die Artikelüberschrift von Wilhelm Busch gilt. Auf dem Münchener Oktoberfest, sogar auf dem Ingolstädter Volksfest. Wenn es auch Rückschläge gibt. Können kommt vom Wollen…

Slow Food Magazin Ausgabe April/Mai 2015:

hüttinger3Es war mir eine echte Freude dieser Tage Roswitha Hüttinger (Jura Geflügel in Walting/Rapperszell) ein Exemplar davon in die Hand zu drücken:

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Roswitha Hüttinger

Sie hat Haltung und ermöglicht eine gute solche. Auf ihrem Hof tummeln sich im Freiland – bei hofeigenem gentechnikfreiem Futter und eigener Schlachtung – neben Mast- und Legehybriden (Thema Zweinutzungshuhn) auch Sulmtaler, Wachteln, Perlhühner, Puten (ab nächstem Jahr ebenfalls Bronzeputen), Flug-, Mularden- und Pekingenten sowie Gänse. Mit ihrem Betrieb steht sie deshalb auf meiner Empfehlungsliste für gutes Geflügel in unserer Region.

Auf dem richtigen Weg ist auch die Stadt Pfaffenhofen. Im Koalitionsvertrag des Bündnisses von FW, SPD, Grüne und ÖDP steht unter Ziffer 5 (Nachhaltigkeit, Tierschutz, Umweltschutz, Klimaschutz) der Punkt „aktive Förderung von regionalen Produkten und Lebensmitteln aus artgerechter Haltung bei städtischen Veranstaltungen“. Seht dazu auch das wunderbare Aktionsbündnis Artgerechtes München!

Festwirtin Julia Spitzenberger (selbst im Pfaffenhofener Stadtrat) ist heuer dazu auf dem

logo volksfest pafmit ihrem Pfaffenhofener Voixfest-Giggal an den Start gegangen. Und das kommt von – der Kreis schließt sich – Frau Hüttinger. Gleich 2-mal (mittags wird es nicht angeboten… arrgh) bin ich hingefahren, um der schönen Idee meine Aufwartung zu machen:

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Julia Spitzenberger

spitzenberger (3)spitzenberger (1)Im großen Festzelt gibt es in Pfaffenhofen zum schönen Überfluss auch noch ein Bio-Hendl:

spitzenberger (4)Weiß eigentlich schon jemand wie es ab kommenden Freitag auf dem Schanzer Herbstfest in Sachen gutes, sauberes und faires Hendl aussehen wird? Wir gehen jedenfalls nächsten Donnerstag schon mal hier auf Nummer sicher.

Nachtisch: Frau Hüttinger hat ihre Mitgliedschaft bei Slow Food angekündigt. Passt gut!

Nachtrag (26.09.2015): Es gibt leider kein Bio-Hendl auf dem Ingolstädter Volksfest. Es ist erbärmlich.

Humulus Lupulus 2015

Humulus lupulus ist lateinisch und steht für Echten Hopfen. Sein Duft ist mir einer der Liebsten. Humulus Lupulus ist aber auch etwas für die Ohren. Er trägt dabei den schönen Untertitel Doldensound. Seit Jahren will ich da hin – letzten Freitag (zur 12. Ausgabe) hat es nun endlich geklappt!

humulus lupulus (7)humulus lupulus plakathumulus lupulus (6)humulus lupulus (4)Ein Open Air mit viel Charme und einzigartiger Gemengelage: Zwei Bühnen (Giggerl- und Hopfenbühne), eine Hütte. Arrangiert in einer Obstbaum-Waldinsel inmitten freier Felder. Wenige Kilometer nördlich von Scheyern – das Benediktinerkloster bleibt in Sichtweite. Vollkommen unaufgeregte, fast schon vertraute Großfamilienatmosphäre. Sehr vielschichtiges, dabei aber stets feines Line-up (siehe Plakat oben). Kinder bis 13 frei.

Für diese schöne Tradition

humulus lupulus (12)hatte ich natürlich ein klosterbiertaugliches Gefäß dabei:

humulus lupulus (2)humulus lupulus (5)humulus lupulus (3)Exemplarisch Kofelgschroa:

humulus lupulus (10)humulus lupulus (8)humulus lupulus (9)humulus lupulus2016… freu!

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Veränderung im Artusiana

Wer das Artusiana in meinem Blog sucht wird gut fündig. Seit der Eröffnung im März 2012 begleite ich Katia Garellis wohltuendes Wirken. Umwege eingeschlossen. Nun gilt es von einer Veränderung zu berichten! Ich bitte dazu aber zunächst um Geduld …

… für ein leider vernachlässigtes Thema: Kindergeburtstage. Genauer: Essen auf Kindergeburtstagen. Es ist erstaunlich wie oft die Liebsten dabei das Schlechteste bekommen… Gerne würde ich in diesem Zusammenhang den 64 Grundregeln Essen von Michael Pollan eine weitere hinzufügen: Was Dir von einem Clown gereicht wird, ist kein Lebensmittel!

Bisher wurden bei uns alle Wiegenfeste selbst bekocht. Dieses Jahr lockte Neuland. Selbst ist der Bub, das Mädchen! Eine Achterbande. Im Artusiana. Motto: Very Happy Meal:

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Die am Anfang angesprochene Veränderung fehlt noch. Katia Garelli hat ihr Artusiana verkauft. Aus ganz privaten Gründen. Ich werde ihr herzliches, ansteckendes Lachen in dem wunderbaren Kleinod in der Schäffbräustraße 3 vermissen. Mindestens das…

Aber die Welt geht nicht unter – das Artusiana bleibt! In guten Händen. Seit 01.07. führen es Maria Simeoli (aus Neapel) und Sopi Aferdita (aus Bergamo):

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Maria Simeoli und Sopi Aferdita.

Maria ist von Anfang an dabei. Sie weiß daher wie der Laden tickt. Und sie will weitermachen wie bisher – so hat sie es mir versichert. Eine beruhigende Nachricht.

Nachsatz: Die Slow Food Familie bleibt auch bestehen. Das Artusiana als Unterstützer. Katia als Mitglied.