Fingerzeig (12) – Servus beim nächsten Stammtisch

Die Publikation Landlust (Landwirtschaftsverlag Münster) gehört zum Segment der sogenannten Lebensstil-Zeitschriften. Darin bekleidet sie unter anderem die Themen Natur & Garten, Essen & Trinken, Wohnen & Wohlfühlen, Handwerk und regionales Brauchtum. Sie erscheint seit 2005 zweimonatlich. Sie ist erfolgreich. Am besten ist das an der Vielzahl der (eigentlich durchgehend kärglichen) Nachahmerprodukte abzulesen: Liebes Land, Landidee, Landleben, Landglück, Mein schönes Land, LandKind, Landpartie, Landliv, Land & Berge, LandGang, Landzauber, LandGenuss… Man sieht – sie ist sehr erfolgreich. Zur Kurzweil blättere ich gelegentlich gerne in ihr. Seit März 2012 gibt es (monatlich) wirklich ernstzunehmende Konkurrenz. Vielleicht liegt es bereits am fehlenden “Land” im Titel. Das kommt erst im Zusatz… Servus in Stadt & Land (Red Bull Media House).

Die Realität ist ein Fass ohne Boden. Sie hat also auch Platz für die heile Welt. Gott sei Dank! An dieser Stelle sei der erneute Verweis auf die Lebenslust von Kinfolk gestattet.

Im aktuellen Servus (07/2014 “für den Kulturraum Bayern” – es gibt auch die leicht modifizierten Ausgaben Österreich, Deutschland und Baden-Württemberg) findet sich unter der Überschrift “Wo sich die Langsamkeit versteckt” ein genussreicher Bericht über die Altmühl und einige ihrer feinen Uferschätze:

stirzer stammtischDarunter die Empfehlung des Gasthofs Stirzer in Dietfurt. Was soll ich sagen? Wie passend! Genau hier findet am kommenden Donnerstag – 10.07.2014, 20:00 Uhr – unser nächster Slow Food Ingolstadt Stammtisch statt – Gäste sind wie immer herzlich willkommen!

Zeitschriften für den “Kulturraum Bayern”? Ihr kennt doch hoffentlich sicher alle MUH – Bayerische Aspekte?!

(11) – Fingerzeig – (13).

Slow Food Kochgruppe: Backen

Diese Kulisse geht eigentlich schon ein bissl über den Realismus hinaus…

sf pizzaDank Entschleunigung trügt der erste surreale Eindruck aber. Gott sei Dank. Das Leben ist phantastisch.

Kommt man bei unserem Gastgeber Matthias in Geisenfeld an, wird das Flussbett der Zeit tief und breit. Der Ofen ist lange angeschürt, der Stein hat ordentlich Temperatur aufgenommen. Die Kochgruppe von Slow Food Ingolstadt (diesmal zu zwölft) hat sich einen Backnachmittag hingelegt: Pizza, Brot und Blootz (in Hohenlohe und Franken für Flammkuchen). Machen und genussvoll wieder verschwinden lassen:

sf pizza 6sf pizza 3sf pizza 2sf pizza 5sf pizza 4sf pizza 9Auf dem Tellerrand findet sich tatsächlich Sebastian Kneipp. Nichts wurde verwässert oder getreten.

sf pizza 7Mitkochen? Küche zur Verfügung stellen? Ideen zum Thema? Gunter Wagner. So heißt der Leiter unserer Gruppe…

sf pizza 8

Prachtstück Landhausbräu Koller

Zeitweilige Mailanfragen erinnern mich an mein hier gegebenes Versprechen. Ich schulde noch die Benennung des fabelhaften Wirtshauses im östlichen Augsburger Umland – eines, dass man gar nicht oft genug ansteuern kann! Ich tue das seit fast 15 Jahren. Und das kam so:

Im Ingolstädter Gasthaus Mittl (Canisiusstraße 9) hing zwischen den Herrnbräu-Zapfhähnen an einem Hahn ein Schild mit der Aufschrift “Koller-Bier”. Eine ungefilterte, naturtrübe Köstlichkeit machte mir augenblicklich die Luft aus dem Glas. Wie die Mittls zu dem Fass gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls gaben sie mir die Adresse des Brauers. Einige Wochen später war ich dann dort: Landhausbräu Koller (Melanie und Ludwig Koller), Hergertswiesen 5, 86495 Eurasburg.

koller2Im Jahr 2000 begann der hochsympathische Ludwig (heute 37 Jahre) im 150 Jahre alten (elterlichen) Wirtshaus sein eigenes Bier zu brauen. Es gibt das Naturtrübe in hell und in dunkel, ein helles Weißbier und zur Winterzeit ab November den “Kollator”. Die herrlichen Gebräue können in 1-Liter-Bügelverschluß-Flaschen für den Hausgebrauch mitgenommen werden.

koller10Auf den Fotos (sie entstanden am 28.12.13) ist Weihnachtsschmuck zu erkennen. Deshalb gibt es – ausnahmsweise unsaisonal – auch keinen Biergarten zu sehen… Dieser liegt im Innenhof, zwischen Wirtshaus und neu renoviertem Stadl (bis 130 Plätze). Neben der saugemütlichen Wirtsstube (50 Plätze) gibt es noch das stuckfeine Luitpoldstüberl (30 Plätze) und das etwas versteckte Geheimratsstüberl (20 Plätze). Im Biergarten (bis 300 Plätze) dürfen übrigens Brotzeiten mitgebracht werden. Letzteres sollte aber wohl überlegt sein. Die Küche ist nämlich spektakulär gut! Bierflädlesuppe:

koller4koller3Eingekauft und verarbeitet wird ausschließlich regional und saisonal. Der Bruder von Ludwig, Georg Koller, ist Bio-Landwirt gleich um die Ecke.

koller1Es wird alles frisch gekocht! Die wunderbare Ausnahme der ernüchternden Regel, die Plastikbeutel aufschneidet und deren Inhalt lediglich aufwärmt (Convinience). Quer über der Straße steht eine kleine Kapelle. Daneben duftet der Kräutergarten der Küche.

koller13koller5koller14Es muss kein Fleisch sein: Sellerieschnitzel in Haselnusskruste auf Saisongemüse und Ofenkartoffel. Wenn aber doch – dann lasse man sich vertrauensvoll von der Bieraffinität des Hauses leiten: Biertreberkrustenschnitzel mit Kartoffelsalat. RRR!

kollerkoller7Kaiserschmarrn mit Mandeln und Äpfeln, reichlich Puderzucker und marinierten Waldbeeren:

koller8Als Wegzehrung für 2014 landete noch eine Flasche “Jahrgangsbier 2013″ im Proviant. Das mit ober- und untergäriger Hefe zweifach vergorene Starkbier (18,5 Grad Plato) ist ein stattliches Zeugnis für die tiefe Hingabe und Liebe zum Handwerk und dem Genuss der Naturschönheiten… “Kräftige, fruchtige Noten treffen auf getrocknete Rosinen, Pflaumen und Lakritzaromen”. Stimmt genau so.

koller15Ich arbeite noch an der gelungenen Vermählung zweier Aufgabenstellungen: Jedweder Opferverzicht beim Koller mit gleichzeitiger (zwingend notwendiger) Übernachtung in dessen Nähe. Weißwurstfrühstück?! Der Routenplaner gibt als Distanz zu Ingolstadt immerhin gute 75 km an. Vorschläge?

Die Öffnungszeiten sind täglich von 16 bis 24 Uhr. Sonntags ab 11 Uhr. Achtung: Mittwoch ist Ruhetag! Noch eine kleine Geschichte (true story!) zur Beseitigung selbst homöopathischer Zweifel an der sagenhaften Gastfreundschaft dieser Stätte und der Familie Koller. Vor vielen Jahren standen wir nach einem Augsburgbesuch vor verschlossener Tür. Der ganze Tag strebte bis zu dieser Minute eigentlich seinem Höhepunkt entgegen… Ruhetag. Diesen Umstand hatten wir versiebt. Die Gesichter begannen sich zu verlängern. Da ging die Tür auf. Ludwig Koller stand darin. “Ah, meine Stammgäste aus Ingolstadt! Heute ist zu. Ich feiere meine (standesamtliche) Hochzeit. Aber wisst ihr was – wenn ihr schon mal da seid – kommts rein!”

Am 31. Mai war Redaktionsschluss für den Slow Food Genussführer 2015. Diese Zeilen gehen mit herzlichen Grüßen an die Freunde von Slow Food Augsburg: Wenn ihr Euch das Landhausbräu Koller nicht in den nächsten Monaten genüsslich anseht, um es wenigstens in die übernächste Ausgabe 2016 zu bringen, wird Slow Food Ingolstadt sich keine unterlassene Hilfeleistung nachsagen lassen! Hilfe für Menschen ohne das Wissen um ein wahrlich anständiges Wirtshaus.

Zur Vorfreude: Slow Food Ingolstadt hat für die nächste Ausgabe ein sechstes(!) Haus gefunden… Ich sage beizeiten Bescheid. Der aufmerksame extra prima good Leser kann es sich sicher denken…

Wer jetzt noch tiefer einsteigen will, schaue sich diesen Beitrag (2013) des Bayerischen Rundfunks an:

Der Donaukurier hatte in seiner Ausgabe vom 22./23. Februar 2014 den Koller auch schon auf dem Schirm:

koller16Am allerbesten aber, Ihr beendet baldig alle graue Theorie!

Der Gute hängt so nah

Schinken. Parma, San Daniele, Culatello, Serrano oder Pata Negra. Aber Italien und Spanien sind weit. Dabei hängt der Gute auch so nah. Zwischen Ingolstadt und Neuburg – in Bergheim! Nicht gewusst? Ein Paradebeispiel für die leichtfertige Unkenntnis der eigenen Region…

Beim Januar-Stammtisch von Slow Food Ingolstadt im Neuwirt machten uns unsere Gastgeber Anke und Karl Deiml mit Wolfgang Speth bekannt:

speth1Dieser ist gelernter Metzgermeister. Sein wohl zu blutleerer momentaner Arbeitsschwerpunkt im Außendienst als Anwendungstechniker entfachte eine tiefe Sehnsucht nach den handwerklichen Wurzeln seines Berufes. Es gibt Menschen, die aufbrechen, ihr Verlangen zu stillen. Speth ist ein solcher. Er entschied sich in Schinken zu machen. Wir dürfen uns darüber freuen!

Fruchtbar und erhellend wie die Zusammentreffen von Slow Food regelmäßig sind, besuchten wir Ende April – nach der Fastenzeit ;-) – seine Manufaktur. Er nennt sie Schinken-Ambiente.

speth2Während für gewöhnlich leider alles dem Auto weichen muss, ist es hier umgekehrt. Fertigung, Reiferäume und Verkauf haben die sehr großzügige Doppelgarage voll in Beschlag genommen. Fast vier Stunden wurden wir Zeugen einer brennenden Leidenschaft für Schinken. Es wurde zugeschnitten, ausgelöst, gewürzt, eingerieben, geräuchert und in Form gebracht. Herrlich!

speth6speth5Das Fleisch für seine handwerklich zu veredelnden Rohschinkenspezialitäten bezieht Speth ausschließlich von der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, die sich wiederum dem Schwäbisch-Hällischen Landschwein verschrieben haben. Die „Mohrenköpfle“ (liebevoll so vom Hohenloher aufgrund ihres schwarzen Kopfes genannt) sind übrigens seit letztem Monat Passagiere der Arche des Geschmacks. Das Projekt der Slow Food Stiftung für Biodiversität will das kulinarische Erbe der Regionen bewahren.

speth3

links: Schwäbisch-Hällisches Landschwein, rechts : Deutsche Landrasse (Hybridzucht)

speth10Im Reiferaum lagern die Schätze. Darunter auch Rinderschinken vom Murnau-Werdenfelser (für den Neuwirt). Als Räucherspezialitäten gibt es: Bauernschinken, Räucherbauch, Wacholderschinken, Karreespeck und der am Knochen gereifte Beinschinken Bergamer.

speth8

Zu den luftgetrockneten Spezialitäten gehören: Der Fergen. Speth: “Lange zerbrach ich mir den Kopf darüber, wenigstens ein Produkt mit einem historischen Bezug an meine Heimat zu benennen. Dann fiel mir die Chronik der Gemeinde in die Hände.Fergen wurden früher die Fährleute genannt, welche für den Betrieb der Fähre zuständig waren. Der Ferge Steib muss ein hartnäckiger Bursch gewesen sein, da er öfters mit der Gemeinde im Streit war. Die lange, flache Form des Nackens soll an die Fähre erinnern.” Und der Sir Henry – eine Reminiszenz an seinen Vater.

speth9Im Nachbarhaus befindet sich der Landgasthof “Zum Löwen”. Hier war für uns prächtig aufgedeckt. Es gab …………… Schinken! Satt.

speth13speth11speth14Speths Kreationen sind von einer beachtlichen Qualität. Hinfahren. Schmecken! Dabei steht der Mann (erst) am Anfang. Er hat noch viel vor. Ist unglaublich neugierig und experimentierfreudig. Und er räumt einer sehr, sehr wichtigen Zutat die ihr gebührende Stellung ein: Der Zeit. Das ist S l o w Food. Herzlichen Dank Wolfgang Speth.

Schinken-Ambiente, Hauptstraße 19, 86673 Bergheim. Tel: 08431/6486073. Verkauf: Samstag 9-13 Uhr und Donnerstag 16:30 – 19 Uhr.

“March Against Monsanto” in Ingolstadt

Das Herz der weltweiten Bewegung “March Against Monsanto” schlägt jedes Jahr am 24. Mai besonders kräftig. Gestern erstmals auch in Ingolstadt! Auf dem Paradeplatz.

Die Gegner (vergessen wir neben Monsanto bitte nicht Syngenta, DuPont, Pioneer, Dow, Bayer oder BASF) scheinen übermächtig. Man erinnere sich nur an den 26. März letzten Jahres, als US-Präsident Barack Obama das US-Haushaltsgesetz HR 933 mit dem “Zusatz 735″ unterzeichnete. Letzterer Passus (“Lex Monsanto”) gab (Gott sei Dank nur für 6 Monate – das üble Lobby-Meisterstück wurde nicht verlängert) Unternehmen im Geschäft mit genmanipuliertem Saatgut eine nie dagewesene Handlungsfreiheit. Danach konnten Gerichte, die begründete Zweifel an der Umwelt- oder Gesundheitsverträglichkeit neuer genmanipulierter Produkte hatten, deren Aussaat, Anbau, Vertrieb und Verkauf nicht mehr verhindern. Unglaublich. Wer sich noch fragt warum die TTIP-Verhandlungen geheim sind…!

Auf dem Weg zur Demo rief mir ein lieber Bekannter zu: “Reine Freizeitverschwendung – ist doch schon alles da und nicht mehr änderbar”. Angeblich soll Martin Luther solche Einstellungen mit dem berühmten „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ pariert haben…

Danke an die Organisatoren! Besonders gut haben mir die Redebeiträge von Franz Hofmaier (ÖDP) und Rupert Ebner (Bündnis 90/Die Grünen) gefallen.

demo1 Slow Food Ingolstadt hat natürlich ebenfalls Flagge gezeigt:

demo2

Quelle Foto links unten: Michael Schmatloch

Gegen grüne Gentechnik sind (derzeit offiziell) auch CSU, SPD, FW und die beiden großen Kirchen. Gut so. Leider waren keine offiziellen Vertreter der Genannten auf der Bühne. Warum eigentlich nicht?